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Flake talks about german bands, that sing in english.

Transcript

Dazu begrüßt sie eben jeder: Jemen, die Stadt, das Land, bei Syrien oder Libyen. Das heißt ja nicht Libyen, das heißt Libyen. Man spricht das immer falsch aus. Das heißt doch nicht Milch, wie ich das immer sage, das heißt Milch. Und auch nicht Kirche, sondern Kirche. Ich gehe nicht in die Kirche. Das ist echt total schwer. Also die deutsche Sprache ist selbst für mich als Muttersprachler sozusagen so extrem schwer. Da wundere ich mich persönlich nicht, dass keiner Lust hat, auf Deutsch zu singen.

Herzlich willkommen, hier kommt die Art. Bei die Art. Heute geht's um das Thema deutsche Bands, die auf Englisch singen. Ich weiß nicht, ob ein Engländer das jetzt auch als Englisch bezeichnen würde, was die Art macht, aber ich hab's verstanden. Ich weiß nicht, ob sie sich nicht getraut haben, das in Deutsch zu singen, weil das hieß ja schon wieder, gegen die Mauer anzusingen, und es war ja der DDR-Traum schlechthin, die weite Welt zu besuchen und zu sehen. Was sie da besungen haben, und das Lied war noch ein ziemlicher Erfolg. Jeder kannte das, die Art war anerkannt auch unter den Jugendlichen als coole Band, als gute Band. Und ich hätte dem Traum der weiten schönen Welt auch Glauben geschenkt, wenn wir nicht einen Sänger gehabt hätten bei Feeling B, der irgendwie über Umwege Schweizer wurde und in den Westen fahren konnte, und der hat uns immer sehr gewarnt vor der sogenannten weiten Welt. Wenn wir nach Hiddensee gefahren sind, dann hat er gesagt: Guckt euch das hier an. Das ist schöner als alle griechischen Inseln so zusammengenommen. Hier ist es wirklich geil. Und wenn ihr denkt, hier im Osten ist es schlimm, im Westen ist alles noch viel, viel, viel schlimmer. Wenn ihr denkt, hier sind die Leute spießig, im Westen sind sie noch viel spießiger und verbohrter und bekloppter. Als Punk hat man es da auch nicht leicht. Und dadurch hat er mir ein bisschen die Lust genommen, in die große weite Welt zu fahren.

Und es war dann, als ich dann letztendlich fahren konnte, auch schwierig, weil man interpretiert ja doch viel rein und die Wunschvorstellung. Man sieht die Filme, die Farbfotos aus dem Westen, bei uns gab's nur so ein bisschen schwarz-weiß. Man sieht die Filme und man denkt, New York und alles sind so was wie außerirdische Städte, dass da Menschen leben, die auch Müll machen oder so, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich dachte, das ist so was wie so ein Märchenland oder so. Und wenn man dann mal wirklich da ist und sieht, dass da einfach auch Menschen leben, dass alles ganz genauso ist, das Straßenpflaster sieht gleich aus, die Bäume sind dieselben, dann ist man natürlich ein bisschen enttäuscht. So was kann ein Land gar nicht einhalten, wie man da rein interpretiert, wenn man sich was vorstellt.

Und eine andere Band, die auch auf Englisch singt, also wir werden heute kein gesungenes deutsches Wort hören, die singen aus anderen Gründen Englisch, und die waren zum Beispiel schon in einer weiten Welt. Die haben den Madison Square Garden dreimal hintereinander ausverkauft, was wir jetzt nicht geschafft haben oder so, und zwar schon 1978 oder so. Und eine Band, die auch in Deutschland sehr beliebt ist. Ich brauche erstmal ein bisschen Zeit, um zu wissen, dass es überhaupt eine deutsche Band ist. Wir wollen ja heute nur deutsche Bands hören. Hier sind die Scorpions.

Ich weiß jetzt nicht, warum sich die Scorpions entschieden haben, auf Englisch zu singen. Wenn ihr Plan war, damit international erfolgreich zu werden, so mit ihrem englischen Gesang, haben sie auf jeden Fall ihr Ziel erreicht. Und ich weiß ja nicht, ob das auf Deutsch so gut geklungen hätte, wenn sie gesungen hätten: Hier bin ich, ich schüttle dich wie ein Sturm. Das ist wirklich schwierig. Manche Sachen singen sich natürlich in Englisch ganz einfach besser. Aber diese Band hat es ja wirklich geschafft, auf einem Rockpalast zu spielen mit Iron Maiden. Und ich als Jugendlicher habe gedacht: Mensch, die sind ja richtig cool. Also die hatten zwar sehr seltsame Sachen an, so längst gestreifte Jeans, irgendwie rot, gelb, grün gestreift, aber ansonsten war das eine amtliche Band, die eigentlich ziemlich so unterschätzt ist, so meiner Meinung nach. Aber mit der Meinung stehe ich auch sehr alleine da.

Die nächste Band kannte ich auch aus dem Radio, ohne zu wissen, dass sie aus Deutschland kommt. Und zudem habe ich es noch falsch verstanden, den Titel. Der Titel heißt nämlich "This is Michael" von Philipp Boer und ich habe verstanden: "This is my girl". Und ich dachte, das ist wie bei Michael Jackson. Er sagte: Oh, this girl is mine oder so. Und dann sagt Philipp Boer: Nee, this is my girl. Aber er sang wirklich: "This is Michael". Und wenn man jetzt einen Freund hat, der Michael heißt, dann kann man dem immer schön das Lied so vorspielen und der freut sich dann bestimmt. Hier ist Philipp Boer.

Diese Band verrate ich nicht, weil das soll mal jeder selber erkennen, die Stimme erkennt man. Und wenn man jemand in einer anderen Sprache singt, ist es erstaunlicherweise oft schwer, den zu erkennen. Wir haben auch mal mit Rammstein versucht, ein paar Titel auf Englisch aufzunehmen, als wir auf den amerikanischen Markt wollten, wie man das so nennt. Und das war fürchterlich, das klang so schlimm, dass ich selber als Bandmitglied uns als Band nicht mehr erkannt habe, obwohl die Musik eigentlich dieselbe war. Aber sobald eine bekannte Stimme in einer anderen Sprache singt, ist das ganz, ganz so fürchterlich, als wäre das wirklich eine ganz andere Band. Daran merkt man wirklich, wie wichtig die Sprache für ein Lied ist.

Also jetzt kommt eine Band, die ich nicht verrate, aber ich denke, sie bekommt es bestimmt raus. Also ich habe es erkannt, was nicht schwer war, weil ich es so rausgesucht habe. Das war Element of Crime, könnte man noch sagen The Element of Crime, wir sind ja heute auf Englisch. Sven Regener hat gesungen und man denkt echt, das ist ein anderer, wenn er Englisch singt, finde ich. Und wo er doch auf Deutsch so einen Klassiker gesungen hat, wie: Ein Büchsenfisch wirft sich lachend ins offene Meer, oder stürzt sich lachend ins offene Meer. Und seinen anderen Song, den ich auch so sehr mag: Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann, sag Bescheid, wenn du mich liebst. So Sätze, die überhaupt nicht zusammenpassen und trotzdem auf den Punkt treffen, finde ich total gut.

Also da begrüße ich zutiefst die Entscheidung, dass Element of Crime angefangen haben, auf Deutsch zu singen. Auch das Weihnachtslied gefällt mir total gut. Er hat Stille Nacht gesungen, er hat nichts weiter gemacht, als Stille Nacht zu singen, dieses Lied. Und ich finde Weihnachtslieder fürchterlich, ich kriege da richtig Pickel, aber das finde ich richtig gut, weil das so unprätentiös gesungen ist und einfach so, wie er so ist, auch gesungen hat. Ganz großer Hit. Man kann ja nicht oft über Weihnachten reden. Immer im Sommer, im Winter, da reden die anderen so auch davon. Also Stille Nacht von Element of Crime ist wunderbar. "Almost Dead", was das jetzt war, finde ich schwierig.

Jetzt kommt noch eine Band aus Deutschland, die ganzen Bands sind aus Deutschland, ich glaube, die waren in der Zeit in Hamburg, und die habe ich entdeckt, als ich nach der Wende in einem Plattenladen war oder im Kaufhaus irgendwie, und da standen vorne ein paar Pappkartons mit Platten so zum Mitnehmen, wie ein Wühltisch, so nennt man das oder so, obwohl man ja eine Platte nicht wühlt, sondern auf- und zuklappt, also auch nicht klappt, sondern so hin- und herstapelt. Und da habe ich eine Platte gekauft, weil mir das Cover so gut gefallen hat, etwa so holzschnittartig mit so knallenden Farben, so rot, schwarz, braun, sah ein bisschen, naja, so balachmäßig, hatte irgendwie schon einen schrägen Kunststil. Und mir war eigentlich völlig egal, was für Musik auf der Platte war, ich wollte einfach das Bild haben, was auf dem Cover war. Und der Name hat mir auch überhaupt nichts gesagt, der war KMFDM.

Hier hätte ich auf jeden Fall gedacht, das ist eine Ami-Band. Das ist bestimmt der Eindruck, den sie auch erwecken wollten. Aber die nächste Band, da wusste ich schon, bevor ich Musik gehört habe, dass es aus Deutschland kommt, weil die Bobo, die kannten wir aus Weimar. Und ich bilde mir ein, dass man auch ihrem Englisch den Thüringer Dialekt noch ein bisschen raushören kann, auch wenn es jetzt fies ist. Aber ich finde es nicht fies, ich finde es sehr liebenswert, wenn so etwas noch ein bisschen erhalten bleibt. Hier ist Bobo.

Heute jetzt, wie gesagt, um deutsche Bands, die auf Englisch singen, und die nächste Band passt da eigentlich auch gar nicht rein, denn ich spreche von The Can, die haben erstens abgelehnt, sich als Rockband zu bezeichnen, wollten nichts damit zu tun haben, und zweitens ist der Sänger nicht aus Deutschland, sondern die haben vor einem Konzert auf der Straße einfach einen Typen angesprochen, der richtig verrückt aussah und der hieß auch noch Suzuki, wie im Witzfilm, und war wahrscheinlich ein Japaner oder ein Koreaner, und der hat gesungen. Und der konnte natürlich nur auf Englisch singen, also auf Japanisch oder Koreanisch bestimmt auch, aber auf Deutsch konnte er nicht singen, wahrscheinlich, ich habe ihn nicht kennengelernt. Und deshalb singt er natürlich auch auf Englisch. Er hat wohl spontan bei einem Konzert auf Englisch gesungen und seitdem war er festes Bandmitglied und hat dann weiter mitgespielt.

Das Lied "You Do Right" heißt das und ich habe gerade mit Erschrecken festgestellt, das ist 20 Minuten lang, und die langen Rillen zum Still, die hebt es ja jetzt nicht mehr so offiziell. Ich kann die jetzt im Prinzip ja neu wieder eröffnen, und weil ich kenne es mir wichtig, ich will die Band unbedingt spielen als Beispiel von westdeutschen Bands, die auf Englisch singen. Rockbands darf ich ja nicht sagen, aber Band ist es ja. Also los jetzt. Ich gehe jetzt hier doch langsam raus. Man kann sich ja das Lied mal von einer Platte so anhören in Ruhe oder so, aber ich will jetzt hier nicht den Leuten den ganzen Fernsehabend hier vermiesen mit dem Einriff. Das war auf jeden Fall, sie kennen. Ich mag das Lied doch sehr. Nee, die heißen nicht mehr Secken. Die hießen mal Secken und dann haben sie sich nur noch Can genannt. Ich spüre was Ähnliches.

Bei mir geht es darum darzustellen, dass viele Bands aus West-Berlin und Westdeutschland auch auf Englisch gesungen haben, obwohl sie das eigentlich gar nicht hätten machen müssen. Und jetzt kommt noch eine Band aus West-Berlin, die heißen Johnson Noise. Da spielt der Trommler von den Happy Straps mit, womit das eine Mischband wird mit einem Trommler, der ehemals im Osten gespielt hat, dann in den Westen ging und eine neue Band so aufgemacht hat. Und das ist richtiger Stoner-Rock, glaube ich. Ich finde das Lied gut, "Bad Neighborhood".

Nächste Lied ist von PVC. Ich weiß nicht, warum die sich so genannt haben. Eigentlich ist das ja diese Plaste-Werkstatt, also was macht man daraus? Die Plastiktüten oder Farbbüchsen oder so? Ich weiß es nicht. Jedenfalls heißt die Band PVC, vielleicht ist es auch eine Abkürzung. Und ich habe die kennengelernt durch das Lied "Berlin by Night". Ich dachte, kommt irgendjemand aus Amerika und singt über Berlin by Night, weil wer in Berlin wohnt und da lebt und da nachts ist, der muss ja eigentlich auch nicht auf Englisch singen. Und ich kannte den Titel auch nicht von PVC, sondern von der Firma oder von Freigang, was die Bands aus Ost-Berlin waren, die auch viele Songs nachgespielt haben, also besonders Freigang hat auch von Amondül was nachgespielt, wo ich auch nicht wusste, dass das eine deutsche Band ist. Ich dachte, die heißen Mont-Dü und sind Franzosen oder so.

Und Kai Pankonin hat seine Biografie geschrieben und hat daraus vorgelesen, letztens im Franz-Club, nee, in irgendeiner Kneipe, in einer Eckkneipe neben dem Franz-Club, in so einer Punk-Kneipe Schönhauser Allee. Und da war der Sänger von PVC, da habe ich den mal so kennengelernt, ganz liebenswerter Mann. Und ich habe ihm nur mal kurz Hallo gesagt und so. Und zwei Wochen später ist er gestorben. Das war natürlich extrem schade, weil ich wollte ihn mal gerade so kennenlernen und ein bisschen quatschen, wie das früher so alles war. Und dann muss er sehr plötzlich gestorben sein. Und er hat noch in der Nacht an Kai eine SMS geschickt, und da stand: Ich bin gerade gestorben, so liebe Grüße Gerrit. Und das finde ich doch sehr bewundernswert, wenn einer stirbt und noch so einen Humor hat davor, seiner Frau oder wem auch immer zu sagen, dass er so eine SMS rausschicken soll. Also da sage ich wirklich Respekt, das war wirklich ein großartiger Abgang in dem Sinne. Hier ist PVC mit "Robert", weil "Berlin by Night" ist mir zu bekannt.

Das klingt nachher schön frisch. Wenn man mir denkt, dass das aus den 80ern ist, ist das echt Wahnsinn. Und jetzt kommt eine Band, die ist wirklich frisch, die hat jetzt einen deutschen Namen und singt Englisch, das ist auch sehr interessant. Die heißen Drangsal. Da geht es um Bands, die aus Deutschland kommen, aber auf Englisch singen. Und jetzt kommt die Vision, die nicht umsonst so ähnlich wie The Vision klingt. Die Vision.

Und in diesem Block, der jetzt kommt, werde ich Bands spielen, die aus der DDR kommen oder in der DDR gespielt haben oder so. Also ihr könnt doch ganz einfach Ostband sagen. Und die meisten davon sind Bands, die sich im Gegensatz zu Division verweigert haben. Also die hatten keine Einstufung, die haben diesen ganzen Schwachsinn nicht mitgemacht. Die wollten ja nicht groß in Jugendclubs spielen oder anerkannt sein, sondern die wollten eher cool sein, was sie damit natürlich dann noch waren, indem sie im Prinzip sich nur im Untergrund bewegt haben. Und die Happy Straps sind dann leider, das ist die nächste Band, sind dann leider alle in den Westen gegangen. Also es ist die einzige Band, die ich kenne oder die mir jetzt einfällt, die wirklich geschlossen in den Westen ging. Also wo jeder für sich einen Ausreiseantrag gestellt hat und alle gingen in den Westen. Und ich weiß nicht, ob der Traum war, im Westen dann zusammen Musik zu machen und richtig berühmt zu werden. Auf jeden Fall ist aus dem Traum nichts geworden. Die haben sich verstreut in alle Himmelsrichtungen. Die Sängerin ging nach Schweden, weil sie da eine Hochzeit hin machen musste, um überhaupt in den Westen zu kommen. Und die anderen Musiker haben in verschiedenen Bands gespielt, aber sind nie richtig so glücklich geworden. Und dieser Traum, in den Westen zu gehen, um da richtig Musik machen zu können, hat sich eigentlich für keinen einzigen von denen so richtig erfüllt. Und die meisten sind nach der Wende natürlich auch wieder zurück nach Berlin gekommen, weil sie da ihre Wurzeln hatten und aufgewachsen sind. Und jetzt geht es denen soweit ganz gut, so denke ich mal. Und wir hören jetzt mal die Happy Straps mit einem alten Lied, "Regentag" und so "Waves of Love".

Wir gehen jetzt mal langsam aus dem Lied raus, weil da passiert nicht viel Neues mehr. Und ich würde auch lieber noch eine andere Band spielen, die in derselben Session im Großen und Ganzen entstanden ist, die Aufnahme. Thorsten Philipp war ein Techniker, der hat auch uns bei Feeling B den Ton live gemacht, und der hatte in Malzen ein kleines Studio mit ganz einfacher Aufnahmetechnik, ein, zwei Effektgeräten und viel Zeit und Liebe. Und der hat versucht, diese unanerkannten Bands aufzunehmen und so. Und viele Aufnahmen wurden auch in den Westen geschickt, so wie auch diese, also die eben war, die erschienen auf einem Sampler "Live in Paradise". DDR stand noch dran, das D von Paradise wurde auch das D von DDR. Und das war eine Platte, die im Westen veröffentlicht wurde mit Ostbands drauf, was eigentlich schon eine Eintrittskarte ins Gefängnis war, aber das ging aus irgendeinem Grund noch gut.

Und eine andere Band, die in demselben Studio aufgenommen wurde, ist Aufruhr zur Liebe. Und der Sänger Bernd Jastram ist später noch bekannt geworden bei Tarwater und hat noch in vielen anderen Bands mitgemacht. Hat sich sehr verdient gemacht um die deutsche Rockmusik, so sage ich jetzt mal, oder Independentszene. Und jetzt kommt "Side F" von Aufruhr zur Liebe.

Das war Aufruhr zur Liebe. Und es ging noch ein bisschen cooler. Das war nämlich Ornament und Verbrechen, wo sich wiederum die Kreise schließen, weil Ronny von Ornament und Verbrechen hat später auch bei Tarwater mitgemacht, mit Bernie von Aufruhr zur Liebe. Im Osten war das alles eher wie eine große Familie, als wie verschiedene Bands, die da Konkurrenzkampf geführt hätten oder so. Und es war eigentlich eine Ehre, bei einer anderen Band mitspielen zu dürfen, und jeder hat es auch versucht, so oft wie es ging, sich irgendwo einzubringen. Aber Ornament und Verbrechen war eigentlich auch eine in sich geschlossene, bekannte Band, die auch keine Einstufung hatten, soweit ich weiß, die einfach nur cool waren, die bei den Partys tanzen konnten, die die ganzen Tänze kannten, was Madness und diese Ska und so, die die Trenchcoats anhatten, als es noch keiner hatte, die sich die Haare so frisiert haben, wie das keiner kannte, mit an den Ohren irgendwie kurz rasiert und so. Die coolsten der coolen mit Pablo Picasso, Ornament und Verbrechen.

Ist ja schon interessant, womit wir uns im Osten so auseinandergesetzt haben, was so unsere Sorgen und Probleme waren. Das waren Ornament und Verbrechen.

Die nächste Band wollte ein bisschen aus dem Untergrund raus und nochmal ein bisschen offizieller werden und in Clubs spielen. War eine lustige Band, ein Trio, und hieß deshalb auch die drei von der Tankstelle. Bei diesen Aufnahmen durfte ich sogar dabei sein. Die wurden in der Färbeliner Straße gemacht, in dem Haus, wo Arjoscha gewohnt hat, unser alter Sänger. Ich habe nämlich von einem Cousin, als ich 14 war oder so, ein Tapedeck aus dem Westen geschenkt bekommen. So ein Technics-Tapedeck mit Hinterbandkontrolle und so, was hatte im Osten keiner. Und deshalb haben alle Bands aus dem Umkreis mit meinem Tapedeck die Aufnahmen gemacht. Ich habe das sehr gerne verborgt. Ich habe nur höflich gefragt, ob ich dafür ein bisschen so mitspielen kann. Und diese lustige Orgel im Hintergrund, das war eben der Preis dafür, dass ich dir ein Tapedeck geborgt habe. Dafür durfte ich dann auch mitspielen. Und Paul, der jetzt unser Gitarrist ist oder auch schon damals war bei Feeling B, der hat die Aufnahmen gemacht. Also der war im Prinzip der Ingenieur, wenn man das so sagt, das Wort gab es früher noch nicht. Da hat man einfach gesagt, der nimmt die Band auf. Und mit diesem Tapedeck und Paul am Mixer und so sind viele gute Aufnahmen entstanden. Unter anderem auch die von der Tankstelle, wir nennen die nur die Tankstelle. Man kann immer sagen, die drei von der Tankstelle, aber bei uns hieß die Band die Tankstelle, genauso wie die Fantastischen Vier, die Fantas heißen. Das vereinfacht man dann einfach. Die Inchdebackene Bills, sagt auch keiner Inchdebackene Bills, sondern die Inch hieß. Das war jedenfalls die Tankstelle und "You Send Me Away" hieß dieses wunderschöne Lied. Die haben gesagt, sie machen Beatmusik. Das Wort habe ich auch schon lange nicht in den Mund genommen oder so, finde ich aber total gut. Beatmusik ist keine Rockmusik, ist Beatmusik. Finde ich total gut.

Jetzt kommt eine jüngere Band, also eine ganz neue Band, aber auch aus dem Osten der Stadt. Zur Abwechslung mal eine Mädchenband, aber die sind halt auch deutsch und singen auch auf Englisch, aber auch auf Deutsch. Aber dieses Lied ist auf Englisch und heißt "Cup of Tea", was ich sogar verstehe, wenn ich nicht gut so Englisch sprechen kann. Hier ist Pax. Das ist ein kleiner Irrtum, das war ja nicht "Cup of Tea", sondern "Countdown". Stand aus irgendeinem Grund hier falsch. So "Cup of Tea" finde ich als Lied fast noch besser, aber das nützt uns jetzt nicht viel, weil wir es nicht hören können.

Jetzt kommt ein Lied von Fürst Arsch, interessanter Name, interessante Band, und zufälligerweise ist das wieder mit meinem Tapedeck so aufgenommen worden, zumindest der Zug, weil das Lied heißt "Train", was ich mit Zug übersetzen würde, und Till, der da mitspielt, also der Trommler, hat am Bahndamm gewohnt, wo die Züge in den Westen fuhren bei Bad Kleinen, und da fuhren die Züge nach Hamburg, wo man die Ausgereisten so drin gesehen hat oder auch einfach die Westler, die aus Berlin kamen und da so nach Hamburg gefahren sind, hat man immer sehnsüchtig hinterher gucken können. Und der Zug donnerte genau am Haus vorbei und da haben wir irgendeinen Abend uns mal hingesetzt und mit zwei schwarzen Teufeln, wie die Mikrofone genannt wurden, diese Ostmikrofone für die Kassettenrekorder, haben wir da den Zug aufgenommen.

Deutsche Bands, die Englisch singen, und bei manchen, wundere ich mich selbst, wäre ich nie auf die Idee gekommen. Ganz besonders hier bei Bonnie M. Was heißt eigentlich M? Ich weiß nicht. Ob das noch mein Eindruck ist, aber je schrecklicher die Musik ist, desto erfolgreicher wird es dann. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass Bonny M so durch die Decke ging, auch als deutsche Band von Frank Farian, ich habe schon fast Frank gesagt. Im Englischen waren ganz seltsam, also ich finde es jetzt nicht schlecht oder so, aber ist schon interessant. Genauso ist es mit Milli Vanilli, was ja zwei Münchner waren im Großen und Ganzen, und die waren ja wirklich die erfolgreichste deutsche Band ever, ever, ever, würde man jetzt im Dschungelcamp sagen. Denn die hatten die meisten Nummer-eins-Hits, die je irgendeine ausländische Band in Amerika hatte oder so. Da ist es auch völlig scheiße, ob sie nun gesungen haben oder nicht. Wen interessiert denn das? Tut mir wirklich sehr, sehr leid, dass der eine dann Selbstmord gemacht hat wegen der Schmach, dass er nicht selbst gesungen hat. Mich hat es nicht gestört. Mir ist völlig egal, wer da singt, wenn ich eine Band da sehe. Mir kommt es eigentlich nur auf das Ergebnis an. Und das war ja wirklich einwandfrei. Der Name Milli Vanilli. Also da hat alles gestimmt von vorne bis hinten.

Auch eine sehr erfolgreiche Band, muss ich jetzt ohne Lachen sagen, sind die Pudhys aus der DDR. Schon der Name bringt einen zum Zusammenzucken. Ich weiß nicht, wer die grandiose Idee hatte, aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen, hätte ich fast gesagt, der Vornamen, wie es der Geier wird, heißt, ein Wort zu bilden und daraus den Bandnamen zu formen. Also P wie Peter, ich weiß auch nicht, H, D ist Dieter, also ich denke mal, das ist aus den Anfangsbuchstaben der Worte zusammengesetzt. Die Idee ist grandios und die haben auch die Idee gehabt, das ist vielleicht eine tolle Sache wäre, wenn sie mal auf Englisch singen, vielleicht um mehr internationalen Erfolg zu erringen oder so. Ich weiß es nicht. Ich habe die englische Platte auch nicht gehört zu DDR-Zeiten oder so. Vielleicht war die nicht für uns Ostler gemacht oder so. Kann jeder sich selbst sein Urteil bilden. Die Pudhys mit "But Not Forever".

Die Musik ist ja auch nicht so schlecht, wenn man da drauf steht, aber ich verstehe nicht ganz, wieso man Englisch singt, wenn man so eine Art von typischen Ostrock macht, weil die könnten in jeder Sprache der Welt singen, so jeder würde auf dem ersten Ton eigentlich hören, dass das eine Ostband ist, weil dieser liedhafte, melodiöse Rock wurde eigentlich nur im Osten gespielt, also zumindest zu der Zeit. Die anderen Bands, die waren da schon irgendwie einen Schritt weiter oder so, ich weiß auch nicht. Es ist durchaus nicht übel, aber auf Deutsch gefallen mir die Pudhys doch wesentlich besser.

Bei der Band, die jetzt kommt, merkt man ja nicht, ob es Deutsche sind oder nicht. Und wenn ich es jetzt nicht gewusst hätte, ich weiß es jetzt natürlich, weil ich die Band schon auf Deutsch kannte, aber dieses Lied heißt "Music Monks International", natürlich international oder so, aber das klingt wirklich mal international. Und ich würde nicht merken, wenn ich es nicht wüsste, dass sie Deutsche sind, und selbst wenn ich weiß, stört es mich auch überhaupt nicht. Zu dieser Musik und diesem ganzen Ding, da passt es irgendwie. Hier ist Seed.

Das wäre ja nicht übel, da war jetzt doch Deutsch mit drin. Das ist mir beim ersten Mal hören so gar nicht so aufgefallen. Aber das ist gerade interessant, weil jetzt klingt das Deutsch im Prinzip wie das Ausländische im englischen Lied. Finde ich richtig gut.

Beim nächsten Lied ist die englische Sprache im Prinzip schon Bestandteil des Liedes. Man kann sich eigentlich zu dieser Art von Musik keine andere Sprache als Text vorstellen. Und ich glaube, dass der Gesang oder der Text auch mehr lautmalerisches Mittel ist, als ein großer Inhalt, der transportiert wird oder so. Ich habe ja früher generell Musik, also Gesang nur als Musik empfunden, ohne dass ich drauf gehört habe, was da jetzt gesagt wird. Also wenn es auf Englisch war oder so. Und ich glaube, dass auch Steve Binetti den Gesang als musikalisches Mittel benutzt oder so. Ich habe ihn eine Zeit lang sehr oft gesehen, als er nach der Wende diesen ganzen besetzten Cafés gespielt hat. Da hat er sich einfach den ganzen Abend hingesetzt mit einer Flasche Apfelsaft und ganz sanft seine Liedchen gespielt. Da habe ich mich hinten aufs Sofa gesetzt, mich langsam mit Bier betrunken und habe immer noch eine absolut schöne Erinnerung an die Musik und an die Zeit mit Steve Binetti. Hier ist er mit "Come On".

Binetti, der Jimi Hendrix des Ostens, obwohl man das auch über Gary Franke sagen könnte, den Gitarristen von Freigang, kann man über mehrere sagen, auf jeden Fall ein begnadeter Gitarrist, hier im Zusammenspiel mit Klaus Selmke und Conny Bauer, der eigentlich Posaune spielt, das macht er auch immer noch gerne, aber für dieses Projekt hat er zum Bass gegriffen. Ich habe die live gesehen im Club 29, der an der Ecke war, schräg gegenüber von Babylon. War ein wunderbares Konzert, war sehr, sehr schön.

Jetzt ist schon wieder fast Schluss. Ich verabschiede mich mit einem Song von Feeling B, eine Band, die eigentlich auch auf Deutsch gesungen hat. Aber ein Lied ist dabei, das ist in einer anderen Sprache. Ich kann jetzt keine genaue kanalisieren. Irgendeine Sprache wird es sein oder zumindest eine Fantasiesprache. Aber ein paar Wörter höre ich doch raus, die immer wieder gesungen werden: "Horní Braná". Und das ist ein Ort in Tschechien im Riesengebirge. Und da waren wir mal zum Skifahren, als wir uns wieder mit unseren Westfreunden getroffen haben, die ausgereist waren. Die durften ja dann nicht mehr zurück nach Ostberlin oder so oder generell nicht mehr in die DDR einreisen. Und da haben wir immer große Treffen im Westen gemacht, äh Quatsch, nicht im Westen, in Tschechien gemacht, wo wir beide hinfahren konnten, also die Ostler und die Westler. Und die kamen dann mit ihren Westautos an, wo ich natürlich völlig geplättet war, dass die auf einmal einen Citroën hatten oder einen Ford oder, weiß ich was. Und ein Käfer, ist ja auch schon Wahnsinn, so von Ostner, also für mich jedenfalls. Und die haben dann ihre Saft-Tetrapaks ausgepackt, sowas hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kannte nur diese dreckigen Apfelsaftflaschen mit den verrosteten Kronkorken, die bei uns im Gemüseladen standen, und ihre ganzen Süßigkeiten und so, das war alle total gut. Aber man hat gemerkt, irgendwas stimmte mit den Leuten nicht. Die waren irgendwie nicht glücklich, die haben immer von Kohle geredet und Arbeitslosengeld und Stütze und dass sie sich beim Sozi melden müssen. Das waren alles Wörter, die wir nicht kannten und nicht verstanden, und keiner hat mal von was Schönem erzählt, von Musik machen oder so, sondern immer nur davon, dass sie jetzt endlich eine Wohnung gekriegt haben, wie winzig klein die Wohnung ist, irgendwie, und die Mieten, die sie da bezahlt haben, erschienen uns irrsinnig hoch. Und irgendwie waren aus unseren lustigen Freunden so komische, ernsthafte Erwachsene geworden, was auch daran liegen kann, dass wir einfach auch älter geworden sind, dass es gerade die wichtige Jugendzeit war, in der so viel passiert und man so schnell altert. Aber gerade diese Besuche und diese Treffen haben mich bewogen, nicht in den Westen zu gehen, sondern nach Tschechien, nach Horní Braná. Hier ist das Lied.