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Flake talks about Berlin.

Transcript

Das Tastenfickers Podcast von Radio 1. Guten Abend und herzlich willkommen. Also ich hätte fast guten Abend gesagt. Ich meine natürlich guten Abend. Ich mag das überhaupt nicht, wenn man so Berlin hat, weil das nie so klingt, wie einer spricht, der aus Berlin kommt. Ich komme jetzt zwar aus Berlin, aber ich kann nur normal reden, wenn ich überhaupt nicht dran denke. Und wenn ich jetzt dran denke, dass ich aus Berlin komme und wie ich dann rede, dann klingt das Berlinerisch, selbst wenn es echt ist, nicht echt. Am schlimmsten ist ja, wenn irgendjemand einen Dialekt spricht, der den nicht spricht. Also manche machen ja die Sachsen so nach, New York, New Clown und so. Ich finde das schwierig, weil das ist ja gerade das Grundding, dass man das aus Versehen so spricht. Und wenn man mit Absicht spricht, wie andere sprechen, ist das irgendwie komisch und wirkt auch nie so wie in Berlin.

Komisch ist ja, dass das Sächsisch im Prinzip die Amtssprache der DDR war, weil die ganzen Polizisten Sächsisch gesprochen haben, weil sie aus Sachsen kamen, damit die sich nicht mit den Berlinern verstanden haben, was funktioniert hat. Hätte aber auch funktioniert, wenn die Polizisten in Ostberlin auch aus Berlin gekommen wären und dieselbe Sprache wie wir gesprochen hätten. Man sieht, die Sendung geht um Berlin. Ich wollte die schon 2017 machen, hatte die Lieder schon rausgesucht, und dann kam Radio 1 auf die geniale Idee, so einen Sommer, Sonntag nur mit Berlin Liedern zu machen, die 100 besten, und da dachte ich, werde gar nicht so bekloppt sein und dann auch meine 20 dann abends noch spielen oder so, und habe die weggelassen. Die Sendung, die mache ich jetzt, aber mir ist auch aufgefallen, dass viele Lieder, die ich spiele, gar nicht in der Sendung vorkamen, was nicht stimmen muss, da ich die Sendung nicht gehört habe, da ich nicht da war. Sonntags ist immer schlecht bei mir. Wenn man Musik macht, ist es umgekehrt als bei einem normalen Arbeiter: der muss von montags bis freitags arbeiten und ich von freitags bis sonntags. Das ist jetzt der Vorteil. Wenn man jetzt auch Donnerstag spielen würde, hätte ich Donnerstag, Freitag, Sonnabend, Sonntag, vier Tage und drei frei, sonst hätte ich drei, vier, äh Quatsch.

Wir fangen mal an mit Seed, aber nicht Dickes B, wie jetzt jeder denken würde, weil es gibt noch viel mehr Lieder, die von Seed sind und von Berlin handeln. Also kommt zumindest Berlin drin vor. Und das Lied heißt Schwinger, was ich nicht verstehe, ob das so etwas wie Swinger sein soll. Der Text ist auch nicht zu entnehmen, da kommt immer – wir hören uns das mal an. Hier ist Seed.

Das Lied ist eine Ur-Berliner Band, alle da geboren und aufgewachsen, würde ich denken. Aber auch viele andere Musiker aus der ganzen Welt kommen nach Berlin, um da ihre Karriere aufzubauen, um da zu leben. Und für die alle ist es natürlich total schwer, die kommen hier an, kennen keinen, wissen nicht, wo sie wohnen sollen, wissen nicht, wo sie hingehen sollen, wissen nicht, wie sie in die Plattenfirmen kommen und alles. Meistens sind die, die nach Berlin kommen, viel besser informiert als die, die in Berlin wohnen. Die müssen es ja auch. Es gibt ja diesen blöden Witz, wie erkennt man einen echten Berliner in der U-Bahn? Das ist der, der immer wie bekloppt hilflos in den Stadtplan kiegt oder so. Habe ich jetzt schlecht erzählt, aber ... Einer erzählt das auch sehr gut in einem Lied, wie er die Reise nach Berlin und seinen Weg in Berlin als Level bezeichnet. Also man hat das Level Berlin erreicht und dann geht man ins nächste Level. Ich frage mich, was das denn bitteschön sein soll, aber das wird er uns bestimmt erklären, hier ist Materia.

Ich hatte diese Sorgen jetzt nicht, da ich in Berlin geboren war, war das selbstverständlich, dass ich da war, und ich fand das jetzt auch nicht als was besonders Tolles, ich war da nicht stolz drauf. Mir ist nur vorgeworfen worden auf dem Dorf, dass ich alles habe, hier Bananen und Fahrradschläuche und so. Das stimmt natürlich, muss ich mal sagen. Mein Vater hat im ERW Treptow gearbeitet und da gab es eine Betriebsverkaufsstelle, und da hat er halt Bananen gekriegt und Fahrradschläuche, also die wichtigsten Sachen, die man so zum Leben hat. Aber ich wäre auch glücklich geworden, wenn ich jetzt nicht als Kind Bananen gegessen hätte. Also wenn ich jetzt in Neubrandenburg – naja, das wäre jetzt wirklich nicht schön. Jedenfalls bin ich aufgewachsen in Berlin und fand die Stadt hässlich, eigentlich, aber auch schön. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, wie so eine Stadt morgens ist, wenn alle noch schlafen. Und das erste Lied, was ich als Kind gehört habe, was irgendwie mit Berlin zu tun hatte, war aus irgendeinem Grund Berlin erwacht. Wahrscheinlich, weil ich so früh Radio gehört habe. Das war gerade ein Hit, als ich ein Kind war. Man kann mal zurückrechnen, 1900 – naja, ich sage mal nichts.

Ich weiß nicht, wie soll ich bei einer Querflöte immer an Heinz Strunk denken muss, aber ich hatte gleich Erinnerung zu Fraktus. Aber hier geht es um Berlin, und beeindruckendsten fand ich, dass Berlin um 5 Uhr morgens erwacht. Ich bin ja als Kind um sieben, halb acht aufgestanden, also mein Vater hat darauf geachtet, dass wir ihn nicht vor um acht wecken, wenn es sonntags ist. Aber um fünf Uhr bin ich glaube ich im ganzen Leben, also als Kind, nur einmal aufgestanden, als wir nach Thüringen in Urlaub gefahren sind mit der Eisenbahn und da mussten wir auch irgendwie um sechs am Bahnhof sein oder so, da sind wir um fünf rausgegangen, und das war so kalt und so dunkel, das erschien mir wie in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. Wir waren schlaftrunken, ich war auch nicht ausgeschlafen, völlig mir war schlecht und ich habe nicht gefrühstückt, und bis ich zum Alexanderplatz gerannt, weil meine Mutter vielleicht ein bisschen langsam war und wir mussten immer rennen, mein ganzes Leben lang bin ich gerannt, glaube ich, weil wir immer so spät waren. Ich schlafe selber auch gerne. Am Alexanderplatz fuhr dann die S-Bahn so zum Hackischen Markt oder umgekehrt zum Hackischen Markt, der übrigens von Leutnant Hacke benannt ist, wenn man sich mal fragt. Hacke dicht ist ein altes Wort. General Hacke hat den hackischen Markt so begründet sozusagen, aber wir sind dann zum Alexanderplatz. Ich habe mal überlegt, ob ich meinen Hund Alexander nenne, weil dann könnte ich rufen: „Alexanderplatz!“ Oder mit Sitz, irgendwie gibt es einen schönen Vordernamen, Fahrrad – welcher Hund heißt Fahrrad.

Jedenfalls ist um fünf keine Zeit zum Aufstehen, und erst als Jugendlicher habe ich gemerkt, dass um fünf absolut spät ist und nicht früh, wenn man auf eine Party geht und dann sagt: „Was denn, ist schon fünfe?“ Also ist es schon fünfe, das heißt, es ist schon ganz schön spät, weil man ja wach war die ganze Nacht und nicht geschlafen hat. Dann hat man eher versucht, früher ins Bett zu gehen als um fünf und nicht später zu schlafen, wenn ich das jetzt richtig rumgedreht habe. Wir machen weiter mit Kreuzberger Nächte, weil das sind ja die, da wo die Partys sind.

Ich wusste als Kind natürlich nicht, was ein Blattschuss ist und ich wusste nicht, was Kreuzberger Nächte sind. Ich dachte, ja, ist schwer zu beschreiben, was ich dachte. Das ist ja immer das Schöne, dass man als Kind manche Sachen einfach nicht weiß oder nicht versteht und hat dann ein ganz anderes Bild vor Augen. Ich wusste nicht, dass Kreuzberg ein Ort ist. Ich dachte, es ist eher eine Art wie Zustand, so etwas wie Weiße Nächte oder Laue Nächte. Das sind dann halt die Kreuzberger Nächte. Aber jetzt habe ich erfahren, Kreuzberg ist ein Stadtbezirk in Berlin. Und der Gag dieses Liedes beruht darauf, dass die im Prinzip die Wörter benutzt haben: Lokalredakteur, und lokal heißt der Ort. Deshalb ist er doch der Ortsredakteur, ist ja auch richtig. Aber mit einem Lokal wird natürlich auch eine Gaststätte oder eine Kneipe bezeichnet. Weil das ist ja der Ort, wo man dann auch sitzt und trinkt. Und Lokalredakteur – aha, er sitzt im Lokal. Und der andere Wirtschaftsökonom – drum sitze ich hier oder so. Man sagt ja auch Gastwirtschaft, weil es natürlich eine Gastwirtschaft ist. Also da stimmt das Wort als Wort Wirtschaft ja auch. Also es ist nicht lustig eigentlich, wenn man es genau nimmt. Aber Gebrüder Blattschutz war schon. Blattschutz klingt auch gut. Ist als lustige Band geführt worden. Ich weiß gar nicht, was sich dahinter verbirgt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, will ich es auch gar nicht wissen. Waren das die von „Reich mir mal die Butter rüber“? Klatsch, irgendwie mit dem Frühstückslied, hatten wir auch schon mal. Ich weiß gar nicht, was als nächstes kommt: Berlin by Night, das ist von PVC. Ich weiß nicht, ob die damit diese Polychlorid-Mischung meinen oder ob das eine andere Sprachabkürzung ist. Das war eine Band aus West-Berlin, die ich sehr mochte. Die Firma und Freigang haben dieses Lied auch nachgespielt, daher kannte ich das Lied schon viel eher, bevor ich die Band kannte. Und den Sänger, den Gerrit, habe ich kennengelernt, zwei Wochen bevor er gestorben ist, was natürlich besser ist als umgekehrt, aber trotzdem sehr schade. Und der hat was Verrücktes gemacht: Der war mit einem Freund von mir sehr eng befreundet, und als er gestorben ist, hat er eine SMS geschrieben: „Hallo, ich bin gerade gestorben.“ Und das muss man erstmal bringen. PVC. Und mir ist nicht ganz klar, ob er unter dem Eindruck von Berlin oder von seinen ganzen Drogen stand. Das Lied ist ziemlich diffus, sage ich mal, und klingt komischerweise, passt ein bisschen nach Ostrock von der Musik, wenn er jetzt auf Deutsch gesungen hätte. Das ganze Schlagzeug und so klang wie von Sticke Schneider.

Wir hören aber mal, um das festzustellen, ein Stück echten Ostrock: King von Prenzlauer Berg. Der Prenzlauer Berg, da weiß ich wenigstens was, den kannte ich, im Gegensatz zu Kreuzberg. Dabei heißt es ja auch nur Berg hinten, und sagen Sie lieber nie Prenzelberg, sonst haben Sie sich sofort enttarnt als jemand, der ganz, ganz weit weg von Berlin herkommt. Grammatikalisch völlig falsch, aber von der Sache her dann richtig. Hier ist City.

Das ist ein irre Stück Musikgeschichte von City. Hat auch ein Alleinstellungsmerkmal durch diese gefäßte Gitarre. Wobei es gar keine Gitarre sein kann, weil Fritze Puppel hat ja schon die andere Gitarre gespielt, das Dung, Dung, Dung, Dung, Dung. Es könnte sein, dass Go Goff an einer Geige das gefäßte gespielt hat oder Fritze Puppel hat heimlich im Studio erst eine Gitarre gespielt und dann die zweite, das machen ja auch manche. Also ich kann eigentlich keinen, der es nicht macht. Und so ist das Lied dann entstanden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich das mal live gesehen habe. Sonst hätte ich das jetzt ergründen können, denn als ich City live gesehen habe, haben sie gerade ihre Platte gemacht mit Casablanca und da komische neue Titel gespielt, die ich dann noch gar nicht kannte, und die alten Hits nicht. Das ist ja immer das Schwierige. Man sagt immer: „Mensch, hoffentlich spielen sie die alten Songs“, und die Band will immer nicht die alten Songs spielen, weil sie sie langweilig findet oder denkt, das ist vorbei, wir denken jetzt anders. Und so entsteht es immer zu diesem Missverhältnis zwischen den Wünschen des Publikums und dem Gefühl der Band. Aber das passt jetzt gar nicht hier hin, hier geht es ja um Berlin. Und eine andere Berliner Band, Freigang, die ein bisschen wilder sind, nicht so angepasst wie City – obwohl City jetzt auch nicht so angepasst war, Toni Krahl war auch im Gefängnis – aber Freigang war regelrecht verboten durch die DDR-Zeit und hat ihr Berlin-Lied erst nach der Wende dann rausgebracht, als sie es geschafft haben, auf eigene Kosten und mit eigener Firma selber eine Platte rauszubringen. Hier ist Freigang mit Berlin. Wir bleiben im Osten.

Panach und Kunert sind noch ein bisschen älter und die haben auch ein Berlin-Lied gemacht. Kunert ist jetzt nicht verwandt mit Günther Kunert, wie ich ein Leben lang gedacht habe, weil Günther Kunert war der, den ich zufällig kannte, weil der Bekannter von meinen Eltern war und uns seine Bücher gegeben hat. Später ist er in den Westen gegangen. Ich weiß nicht, ob der andere Kunert auch in den Westen gegangen ist, das sich dadurch wieder im Gehirn vermischt hat. Jedenfalls sind hier Panach und Kunat. Berlin, dein Winter ist kein Spaß. Und damit haben sie nun mal wirklich recht.

Ja, es gibt doch viele gute Seiten an Berlin, egal ob Winter oder nicht. Und die Erfinderin der goldenen Hände wieder mal, die hat ein wunderschönes Lied über Berlin gemacht, ist eigentlich fast mein Lieblingslied, kann man sagen, besonders wenn die Strophe mit den Kindern kommt, dass die so süß sind, wenn sie vom Fernseher einschlafen oder so. Genau erinnere ich mich auch nicht mehr, aber Berlin kann man auch so sehen, dass es eine wunderschöne Stadt ist.

Ja, sie war doch richtig Berliner Original, kann man doch mal wirklich sagen. Ich glaube, sie musste sich jetzt nicht groß verstellen, um Berlinerisch zu sprechen. Und es gibt ja noch mehr so Originale – der Zille, das war sein Milieu, aber der hat ja auch, ich weiß nicht, ob der Figuren erfunden hat, aber gezeichnet auf jeden Fall. Da war öfter dieser Nante, Eckensteher Nante, dass sie einen Eckensteher hatten, der Nante heißt, verstehe ich auch nicht, aber das scheint auch so eine Volksfigur zu sein. Bolle – freut sich wie Bolle – ich weiß nicht, ob es eine Redewendung ist oder ob es diesen Bolle jetzt wirklich gab, ob das die Abkürzung ist von Bolle war Bolte, also Bolle gibt es auch irgendwie als deutsche Berliner Figur oder Fritzchen, Fritzchen in der Schule, Klein Fritzchen ist auch ein Berliner Original. Und da überlege ich mir, ob es sowas nicht auch in anderen Städten gibt, also in New York oder so, weil New York ist ja nun die absolute Weltstadt. Gibt es da auch den Corner Gym oder Bolle, wie man Bolle jetzt ins Englische übersetzen sollte? Aber ich glaube, das ist das Besondere an Berlin, dass es da Nante und so Typen gibt, die sich da so festgesetzt haben, weil Berlin so eine alte, in sich geschlossene Stadt ist. Das ist auch totaler Quatsch, was ich sage. Wir hören mal die anderen, was den Freitagabends in Berlin so passiert.

Ich komme zur zweiten Stunde, das war DAPF mit den Kebabträumen. Ich träume ja auch oft vom Essen, aber meistens eher vom Bäcker. Also ich träume immer, dass ich zum Bäcker gehe und mir dann die Stücke aussuchen oder so. Und dann immer, wenn ich dran bin, dann gibt es die nicht mehr oder so, oder ich habe kein Geld oder ich gehe an einen anderen Stand, weil ich den eh nicht mag. Also ich weiß nicht, muss man einen Psychiater fragen, was das bedeutet, wenn man von Kuchen träumt. Aber die hatten halt die Kebabträume. Und Kebab – ich dachte ja früher, Kebab ist Döner, das ist dasselbe. Döner, Kebab haben wir früher bestellt, als wir am besten kamen, aber ich glaube, Kebab ist einfach dieses geschnittene Fleisch in diesen Streifen, was man dann mit dieser Soße isst oder – was machen die das? Brutzeln, entmitteln zwischen Braten und Grillen. Grillen, ja doch, nennt man das am Spieß, wenn man am Spieß was warm macht. Am Dönerspieß ist das dann Braten, Erhitzen mit Wärme. Also Kebabträume. Der Döner, also was ja eigentlich der Kebab ist, wurde in Berlin erfunden. Deshalb spielen wir das auch in der Berlin-Sendung. Die meisten Sachen, wo man denkt, dass die irgendwie da erfunden wurden, wurden gar nicht da erfunden, sondern in Berlin. Zum Beispiel Spaghetti sind nicht aus Italien, Pizza nicht aus Italien – ich glaube, Pizza ist aus Amerika und Spaghetti ist aus Polen oder so. Ich weiß jetzt nicht genau, wer das erfunden hat. Die Currywurst ist ja auch so ein strittiger Fall. Eigentlich typisch so Berlinerisch, aber Berlin und Hamburg streiten sich seit Jahrzehnten, wer jetzt die Currywurst erfunden hat. Ein Patent angemeldet wurde in Berlin, die hat die Currywurst angeblich im Jahre 1949 erfunden. Das muss man sich mal vorstellen, 1949 hatten die nichts Besseres zu tun, als Currywurst zu erfinden. Die soll an ihrer Imbissbude am Stuttgarter Platz – fragt mich nicht, wo der Stuttgarter Platz ist, ist das auch nach Berlin? – da soll sie sich so gelangweilt haben, wo ich mich wiederum frage, wie man sich als Currywurstverkäufer – also da gab es ja noch keine so Currywurst, aber dann als Bockwurstverkäufer – so gelangweilt haben, dass sie anfingen mit Tomatenmark und Gewürzen eine Soße zu kreieren. Kreieren klingt jetzt schön, ich hätte es einfach Rummatschen genannt. Und Tomatenmark ist Tomatenmark aus der Büchse und Gewürze sind Gewürze. Okay, dann hat sie eine Brühwurst in Stücke geschnitten – also man höre, eine Brühwurst, nicht eine gebratene Wurst – und hat das mit ihrer Tomatensauce garniert. Und die hat sie erst zehn Jahre später dann unter dem Namen Chill-Up – wie so nennt man das, oder Chillup – patentieren lassen. Das Rezept soll sie mit ins Grab genommen haben. Aber was essen wir denn dann jetzt die ganze Zeit, bitteschön, wenn sie das ins Grab genommen hat? Und was ist jetzt die Currywurst? Jedenfalls kann man das vielleicht erfahren im Deutschen Currywurstmuseum. Das sollte auch in Berlin sein. Ich glaube sogar irgendwie in Ostberlin, im Scheunenviertel oder so, keine Ahnung. Und etwa in Afrika, da ist die Currywurst auch bekannt. Und das Lustigste ist natürlich, das heißt da Currywurst, und Wurst heißt ja Worst Case, der schlimmste erdenkliche Fall. Und das war dann der Currywurst Case sozusagen. Naja, wir gehen mal weiter hier mit Berlin zu Reinhard May.

Daran merkt man auch, dass wir jetzt die Westdeutschen, Westberliner Sänger haben. Also DAF war das Lied davor, jetzt Reinhard May zwischen Kiez und Kudamm. Ich kenne keinen aus dem Osten, der Kiez sagen würde. Das ist so ein typisches Wort, was in den Immobilienanzeigen steht, damit die Westler richtig Lust kriegen, das auch zu kaufen. Die wollen nicht mehr einfach eine Wohnung kaufen, sondern die wollen eine Wohnung im Gräfe-Kiez oder im Winz-Kiez oder im Hufe-Land-Kiez. Dann werden die richtig so gieperig, wenn die hören, dass es eine Eigentumswohnung in irgendeinem Kiez gibt. Für Ostler ist das glaube ich gar nicht so wichtig. Die sind froh, wenn sie überhaupt so eine Wohnung kriegen. Kiez ist dabei aber eigentlich ein altes Wort, damit sind in Nordosten Deutschlands Dienstsiedlungen um die Burgen herum gemeint, wo dann die Bediensteten gewohnt haben, die sich um die Burgen so gekümmert haben, und da haben die Slaven gewohnt und waren den Burgherren zu Dienstleistungen verpflichtet, die mussten ihn so alle bringen oder so. Und das Wort Kiez kommt von Ketsch oder so, was so was wie Netz heißt, man kennt ja den Kescher oder so, das war eben das, was um die Burg rum ist, womit man das kleine Zeug so einfängt im Prinzip, das war der Kiez. Und das war Reinhard May zwischen Kiez und Kuhdamm, wo ich lange überlegt habe, wieso die in West-Berlin einen Kuhdamm brauchten. Muss man ja auch erstmal rauskriegen. Aber im Westen habe ich sehr, sehr vieles nicht verstanden und erst recht habe ich nicht verstanden, was auf dem Bahnhof Zoo so los war. Ich habe nicht begriffen, dass es einen Ort gibt, wo sich die Leute freiwillig Spritzen in die Armen pieksen. Das habe ich erst gesehen in dem Film Die Kinder vom Bahnhof Zoo. Also erst habe ich das vorgelesen gehört im Radio und dann den Film gesehen, und ich war dermaßen geschockt und ich kann bis jetzt nicht begreifen, wieso dieser Film nicht ein Pflichtprogramm der Schulen ist. Aber es gibt wenigstens ein Lied, das heißt Die Kinder vom Bahnhof Zoo. Nee, das heißt nur auf dem Bahnhof Zoo.

Er war geteilt, 28 Jahre lang, und kaum ein Sänger hat sich so damit beschäftigt wie Udo Lindenberg, was man ihm sehr hoch anrechnen kann, weil ihm könnte das egal sein, weil er war ja auf der Westseite, er konnte wegfahren, er hatte die sogenannte Freiheit, aber er fand es wahrscheinlich auch so faszinierend, dass man in einem Land lebt, wo man nicht raus kann oder so, dass er das wirklich oft thematisiert hat, auch versucht hat in Kontakt zu treten. Und das Mädchen aus Ost-Berlin, so heißt das Lied, ist wirklich eine grandiose Beschreibung der frühen 80er Jahre. Ich weiß nicht, ob es Erhebungen darüber gibt, ob mehr Westmänner Ostfrauen geheiratet haben oder mehr Westfrauen Ostmänner. Ich würde vermuten, mehr Westmänner Ostfrauen, ob die jetzt besser zusammenpassen oder so, sei dahingestellt. Aber das war ja auch, es singt ja jetzt keine Frau: „Ich habe so einen süßen Mann in Ostberlin kennengelernt“, sondern umgekehrt. Mit dem Stones-Konzert auf dem Alexanderplatz war das ja nicht mal so schlecht gedacht, das hat ja fast geklappt. 1989 schon haben die Stones in Weißensee gespielt. Ich war leider nicht da, weil ich zu der Zeit mit Feeling B im Westen war. Da sieht man wieder mal, wenn man wegfährt, verpasst man das, was dann da ist, wo man sonst ist. Besagt jetzt nichts. Aber es ist natürlich klar, man ist ja kein Vogel, dass man an zwei Orten zur selben Zeit sein kann, sondern man ist immer nur da, wo man ist. Und wenn man da nicht ist, dann verpasst man dann was.

In der Sonnenallee hätte man wiederum nichts verpasst, weil das ist eine Straße, die sowohl in den Osten als auch in den Westen reicht. Ich glaube, das längere Stück ist im Westen, na wie immer, und das kürzere Stück im Osten. Ich weiß nicht, über welches Stück jetzt gesungen wird, vielleicht auch über die ganze Sonnenallee. Jedenfalls heißt das Lied Sonnenallee und wir werden sehen, was das geht. Das ist nicht, was da in den Newton-Rio gefahren ist. Ob das die Drogen waren oder – es ist ein sehr interessantes Lied. Erinnert mich ein bisschen an die Fick-dich-Allee gibt es jetzt auch irgendwie. Aber vielleicht lag es auch an irgendeinem Stoff, der in Berlin so rumschwirrt. Man sagt ja, seit der Love Parade pullern die Leute dann in den Tiergarten und das geht ins Grundwasser und dieses MDMA oder so wirkt dann zehnfach auf die, die das Trinkwasser trinken. Oder es kommt auch von einer Radioaktivität oder so. In Berlin ist ja erstaunlich viel Radioaktivität. Man lobt das ja nicht, das wird immer gemessen. Und über 600 oberirdische Kernwaffentests haben stattgefunden zwischen 1945 und 1980. Und da kommt natürlich die ganze Radioaktivität auch in Berlin an. Gerade wenn es dann Westwind ist und regnet oder so. Und das messen die immer, um zu sehen, ob es irgendwas gefährlich ist. Und in den 80er Jahren, als Rio dieses Lied gesungen hat, kam es ja zu dem Unfall in Tschernobyl. Und da wurde natürlich extrem viel gemessen. Wir hatten auch totale Angst, als wir da so rausgegangen sind. Und ich frage mich immer noch, ob wir jetzt stark verstrahlt worden sind oder so. Aber die haben nur gesagt, nur wo es geregnet hat, ist die Radioaktivität runtergekommen. Und ich bilde mir ein, bin am Dienstag nach dem Unfall irgendwie zur Berufsschule gegangen oder so, und da ist mir der Regen ins Gesicht getropft. Und normalerweise stelle ich mich immer unter oder setze Kapuze auf, aber da habe ich mir den Regen mal so ins Gesicht regnen lassen, weil es auch so schön warm war und so schönes Wetter. Und da habe ich mich dann wahrscheinlich verstrahlt. Aber wie gesagt, im Vergleich zu anderen deutschen Regionen war die Belastung nach Tschernobyl in Berlin noch ziemlich gering. Wer da die Wahrheit sagt, keiner weiß es. Aber auch in Berlin kam was an auf jeden Fall. Ich weiß nicht, wie ich jetzt drauf komme. Wahrscheinlich wegen dem nächsten Lied, statt aus Gold, statt aus Uran. Das ist eine sehr schlechte Verbindung. Hier ist Vize-Diktator.

Das war Freddy Sieg, sehr schöner Name, mit dem Lied Hochzeit bei Zickenschulze. Eigentlich ist es ja nicht ganz Berlin, weil er heißt ja Zickenschulze aus Bernau. Bernau ist ja Rand Berlin, aber ich wusste das nicht, weil Bernau hat ja nun das Nummernschild BER und ich dachte immer, BER, da gab es ja diesen blöden Flughafen noch nicht, gibt es ja immer noch nicht, aber BER dachte ich, heißt Berlin, und ich dachte aber B ist doch Berlin, aber wie kommt dann – dachte ich – ist BER dann Umland Berlin oder so, Berliner Land oder so. Nein, falsch: BER ist Bernau. Und deshalb habe ich das jetzt als Berlin mit aufgenommen, zumal er ja auch Berlinerisch singt. Und es gibt ja auch das Nummernschild WES, habe ich auch immer gesehen. Da dachte ich natürlich, das ist West-Berlin oder schlichtweg Westen, aber die werden ja nicht für den ganzen Westen ein Nummernschild haben. Ich weiß immer noch nicht, was WES ist. Wesselsdorf oder so, das ist ja Quatsch alles. Dann gibt es noch BAR, das ist zufälligerweise auch neben Bernau, also BER Bernau, dann kommt BAR, das heißt Barnim. Wer in Geografie auch aufgepasst hat, weiß, dass der Barnim ein Berg ist und zwar eine Endmoräne von der ersten oder letzten Eiszeit. Ich glaube von der letzten Eiszeit, weil die ist nicht so weit gekommen wie die anderen. Da müsste aber der nördliche Landrücken sein, also dann von der mittleren Eiszeit. Es gab drei große Eiszeiten: eine hat den südlichen Landrücken gemacht, eine hat den nördlichen, die dritte, weiß ich nicht, wahrscheinlich dann den Barnim oder so.

Jedenfalls Zickenschulze aus Bernau, Lied aus den 20er Jahren, und in den 20er Jahren war in Berlin so allerhand los, wie auch die Skeptiker zu berichten wissen. Jetzt hat der Übergang mal ein bisschen besser geklappt, da da in Berlin.

Skeptiker. Zu Berlin gehört auch Spandau. Man sollte es nicht glauben, weil man fährt nach Spandau ja eigentlich mit der S-Bahn viel länger als nach Hohneulendorf oder so, wo jetzt Marcel von Skeptikern ist, um wieder einen Zusammenhang zu kriegen. Aber aus Spandau kommt die berühmte Band Ecke und Er, und die können auch über Berlin viel erzählen, was sie jetzt hier tun.

Ja, Berlin. Hier sind die People. Wir haben in unserer Stadt alle Tschuschel gesehen, ja, was? Die Aberin, wir sind die People. Ich dachte ja früher, People ist ein deutsches Wort: P-I-E-P-E-L-A. People, ja, komm mal her. Pass mal auf, People. Also People, habe ich erst wieder viel später erfahren, dass das auch Englisch Mensch heißt oder Volk. Und es ist in Berlin ja normal, dass mehr Englisch gesprochen wird als Deutsch in bestimmten Dingen. Und die Krönung ist das Soho House an der Torstraße Ecke Prenzlauer. Da sprechen sie Englisch, auch wenn sie Deutsche sind, die nicht Englisch können. Also da ist Englisch die Chefsprache. Und wenn ich da auf Deutsch einen Kaffee bestelle, dann kriege ich ihn, dann kicken sie mich fragend an, obwohl die, die da arbeiten, auch Deutsche sind und mich eigentlich verstehen müssten. Und das wird schon recht krank, sage ich mal. Also einem alten Mann zu erklären, dass das Arbeitsamt jetzt Jobcenter heißt, ist die eine Sache. Aber wenn man sich nicht mehr verständigen kann, ist das schon schwierig. Deshalb freue ich mich über eine Band wie Pax, die das Berlin-Lied auf Deutsch singt, obwohl ja Icke und er, wie gesagt, auch auf Deutsch gesungen hat, da People ja auch Deutsch ist.

Komische ist ja, dass Berlin wurde als Köln an der Spree gegründet. Ich weiß auch nicht, wieso sie da erst Köln hier in Berlin gemacht haben. Also da war noch nicht Berlin, aber erst mal Köln. Und erst sieben Jahre später, 1244, wurde Berlin dann erwähnt. Und dann wurden die beiden Städte vereint. Frag mich, warum haben sie nicht Köln und Bonn vereint, sondern Köln und Berlin. Und deshalb gilt dann 1237 als Gründungsdatum. Und dann haben sie nämlich eine gemeinsame Brücke über die Spree zusammengebaut, und dadurch ist dann im Prinzip der Stadtkern entstanden, wo jetzt die Museumsinsel im Prinzip ist. Das heißt Berlin, Köln, die Doppelstadt, ist ja nicht alles schlimm. Wenn du jetzt einen Flughafen Berlin, Köln – wo soll der dann liegen? Naja, ist ja ein anderer Köln, nicht mit C und so. Aber so viel zu Berlin, der Stadt der Träume, aus der Träume gemacht sind. Nur ein paar Resistente auf einem kleinen Dorf sozusagen, um jetzt Asterix zu zitieren, die meine ich natürlich nicht. Ich meine jetzt Kraftklub, die in Chemnitz wohnen, die weigern sich immer noch nach Berlin zu kommen, haben sogar ein Lied gemacht: „Ich gehe nicht nach Berlin“, was sie jetzt aber langsam so relativiert haben, nachdem die AfD so viele Stimmen gekriegt hat, haben sie gesagt, sie ziehen jetzt vielleicht wahrscheinlich dann lieber doch nach Berlin. Insofern ist das Lied, wie wir das jetzt hören, fast schon historisch zu sehen. Hier ist Kraftklub.

Ich will schon in Berlin bleiben, also wahrscheinlich werde ich das, aber ich stelle fest, ich kenne Berlin gar nicht, weil ich wohne in Berlin, ich war anderthalb Mal auf dem Fernsehturm – also das erste Mal war ich drei, da kann ich mich nicht so erinnern, das zweite Mal älter, aber naja, hab auch nichts gesehen, irgendwie war schlechtes Wetter, und ich war nie im Bergheim so richtig oder irgend so was. Heißt das Bergheim? Berg und Talheim. Barbara. Ich müsste mal so eine Flatrate-Sauffahrt machen nach Berlin. Müsste ich nach England fahren, dann steige ich da ins Flugzeug, mache eine 24-Stunden-Flatrate-Sauftour durch Berlin und dann lerne ich es vielleicht mal ein bisschen kennen. Dann wüsste ich mehr und kann nochmal auch eine Sendung machen über die Stadt. Aber ich mag die Stadt mehr aus anderen Gründen, weil sie so groß ist und da so viele Menschen leben, die sich nicht um einen kümmern. Denen ist ja egal, wie man aussieht, was man sagt, was man macht, und das ist für mich als Individuum sehr angenehm, dass ich nicht so kontrolliert werde oder so. Also irgendwie ist in Berlin alles scheißegal und das trifft sich genau mit meiner Lebenseinstellung. Und so diese Lockerheit der Stadt würde ich Ihnen mit auf den Weg geben, also bleiben Sie locker, bleiben Sie anonym, das kann man sich wünschen, und ja, alles Gute für Berlin und die Hörer, tschüss. Meine Damen und Herren, meine Damen und Herren, Mauer!