Die Sendung December 2022
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Flake talks about the time after the reunion.
Transcript
Hallo und herzlich willkommen. Heute geht es um, ich weiß auch nicht, ich weiß auch nicht, wer auf diese blödsinnige Idee gekommen ist, dass die Sendung ein Thema haben müssen oder so. Ich glaube, weil ich selber. Und zwar wollte ich eine Sendung über Saxofone machen, weil ich Saxofone so schlimm finde. Also irgendwie das Geräusch schon. Ich dachte, ein Saxofon hat in der Rockmusik nichts verloren. Also jedes Lied kann durch ein Saxophon im Prinzip geschändet werden und das wollte ich anhand von Beispielen beweisen. Und da habe ich mir gedacht, ich mache einfach mal eine Sendung über Saxophone. Habe aber keine Lieder gefunden, so schnell, so viele. Ich brauche ja immer irgendwie 24, die schaffe ich immer nicht, weil ich so viel quatsche, aber 22 Songs. Und weil ich eben die Saxophon-Sendung nicht machen konnte, weil ich nicht genug Lieder hatte, habe ich dann eine andere Sendung gemacht zu einem anderen Thema. Über, weiß ich nicht, da habe ich schon schon eine Sendung gemacht über Humor oder so. Und deshalb mache ich heute endlich mal wieder eine Sendung über kein Thema.
Ich habe in meinem, wie heißt es jetzt, so computermäßig, also iPhone-Pod, so einen Notizblock auf elektrisch und da speichere ich immer, also da schreibe ich immer rein, wenn ein Lied auf Radio 1 kommt, was mir gefällt, dann schreibe ich mir den Namen auf und dann habe ich eine Liste mit den Titeln, die ich so spiele, spielen kann, spielen will. Das heißt bei mir Musik, Sammlung. Und da habe ich gedacht, wenn ich eine Sendung machen will, dann nehme ich mir einfach die Musik, Sammlung und spiele die und dann ist alles schön. Und habe es auch so gemacht, habe die Lieder genommen und hintereinander so aufgeschrieben, Zahlen ran, 1, 2, 3, 4 und so weiter, eine Reihenfolge gemacht und gedacht, das ist jetzt die Sendung ohne Thema. Aber dann fiel mir ein, dass die Lieder doch irgendwie was verbindet. Und wir werden jetzt gleich sehen, was.
Das waren die Flash-Tones und wer gedacht hat, es geht heute um Stücke, wo eine Mundi mitspielt, hat sich leider geirrt. Heute geht es um Stücke, die was anderes verbindet, mehr so ein Zeitgefühl oder so. Wir können ja mal darüber nachdenken, ob wir vor der Wende andere Musik gehört haben als nach der Wende. Ob wir vor der Wende härtere Musik gehört haben oder Mainstreamigere oder irgendwas, was sich bei uns in dem Moment geändert hat, als die Wende kam. Das nächste Lied fällt genau in die Zeit, was ich da für Musik gehört habe und der Interpret ist zufälligerweise derselbe wie im ersten Lied. Mal sehen, was dann im dritten Lied passiert war.
Weiter geht's. Pet City von Alan Vega. Ich bewundere ihn sehr dafür, oder kann man bei Toten, muss man sagen, ich bewunderte, oder kann man Toten immer noch bewundern? Also ich sage mal, ich bewundere ihn, weil ich selber lebe zur Zeit noch, ihn sehr dafür, dass er einfach den Mut hatte und ein Acht-Minuten-Lied so rausgeknallt hat. Jeder Platten-Heini würde sagen, ja, nach 30 Sekunden muss man das Lied erkannt haben, nach 40 muss der Refrain kommen. Kommt zur Sache, Lied nach drei Minuten, da langweilen sich die Leute, die schalten alle ab. Aber ich muss ehrlich sagen, selten sind mir 8 Minuten 30 so kurz vorgekommen wie eben. Vielleicht liegt es so dran, dass ich ein Stolle herstelle, aber ich fand, das Lied war so leichtfüßig. Dadurch, dass kein Refrain kam, wurde das Lied auch nicht so unterteilt in verschiedene Blocks, dass man sagt, man quält sich von Block zu Block, sondern es war ein Dahinfließen. Ich fühle mich richtig beschwingt, wach und fröhlich.
Ellen Weger, ein tadelloser Typ, aber wahrscheinlich liegt es auch an diesen Liedern, die bis zu 8 Minuten 30 gehen. Ich glaube, er hat auch noch längere von 13 Minuten oder so. Daran könnte es liegen, dass er nicht so bekannt ist, wie er eigentlich sein könnte. Ich weiß auch nicht, ob wir den jetzt im Osten so gekannt haben und weil zufällig irgendjemand wieder eine Platte so mitgebracht hat und wir dachten, dass die ganze Welt steht absolut auf Ellen Weger, weil wir standen auf ihn. Und ich bin davon ausgegangen, dass das, was in der DDR ist, für die ganze Welt natürlich auch gilt. Weil wieso sollten da so andere Menschen sein als wir? Aber es ist natürlich auch so, dass ich darauf geachtet habe, jedenfalls in frühen Ostzeiten, dass ich Musik höre, die die anderen nicht kennen. Weil dann war man ja halt ein bisschen cooler, wenn man irgendwas kannte, was die anderen nicht kannte und gesagt hat, hier, ich spiele hier mal was vor. Ganz heiße Zeug, ganz schräg, kennt keine Sau. Und es ist interessant, dass man Musik machen kann, um bekannt zu werden oder um die weit zu verbreiten. Und die Leute hören die dann nur, weil sie nicht weit verbreitet ist. Das ist doch echt ein Paradox.
Und dann kommen wir gleich zum nächsten Künstler aus derselben Zeit, der dasselbe Problem hat. Ich kenne den, finde den ganz doll gut und der breiten Masse wird da eigentlich völlig unbekannt sein. Hier ist Keith Stingel. Es gibt Dinge, das Lied ist von 76 oder so, aber ich habe es natürlich auch erst nach der Wende entdeckt oder entdeckt bekommen von einem Freund. Ziemlich schräg und ich glaube, es gibt wirklich nicht viele, die das Lied kennen, weil er auch Gründe hat. Ja, aber ich fand den Typen einfach faszinierend in der Zeit, finde ihn immer noch faszinierend in der Zeit. Ach, ich will jetzt nichts Falsches sagen.
So, als nächstes ist ein Lied, was genauso schräg ist, fast auf eine andere Art. Volksmusik ist doch eigentlich was Schlimmes. Also man denkt da an Musikantenstadel und hier den Silbermann und die ganze Bande da. Das ist alles eine üble Geschichte, sag ich mal. Aber musikalisch natürlich auch unsere Wurzeln. Und vielleicht ist es auch so, dass man einfach Sachen nicht ertragen kann, weil die von einem selbst kommen oder so. Also ich meine Stimme selbst noch nicht hören kann oder so. So kann man auch die eigene Volksmusik nicht hören. Von anderen Ländern finde ich es völlig okay. Und Flaco Gimenez, weiß ich, wie man es ausspricht, auf den bin ich gekommen, weil er Flaco heißt. Und wer Flaco heißt, ist schon mal mein Freund und da interessiere ich mich. Und den hat mir mein Freund aus Chile vorgestellt, sagt hier, der heißt auch Flaco, wir hören ihn mal an. Und der macht auch Volksmusik. Aber schon, wenn es aus einem anderen Land kommt, finde ich Volksmusik auf einmal total geil. Es ist schon schön, dass man die Sprache nicht versteht, obwohl die Texte bei der Volksmusik oft noch das Beste sind. Aber ich finde auch, das Akkordeon klingt ganz anders. Also irgendwie, man kann Akkordeon auch gut spielen. Ich will jetzt nicht so auf die deutschen Volksmusiker schimpfen oder so. Aber wahrscheinlich spricht das irgendwas in meinem Körper an. Wahrscheinlich ist das so ein gesunder Abnabelungsprozess. Die Eltern findet man ja auch blöde, wenn man so 18 ist oder 20 und die Eltern sind einem peinlich. Und genauso ist das mit der deutschen Akkordeonmusik. Die finde ich auch schlimm. Die chilenische finde ich total gut oder mexikanische.
Das nächste Lied habe ich auch erst nach der Wende gehört. Und zwar habe ich eine Platte geliehen bekommen, was ja ein absoluter Vertrauensbeweis ist. Oder war in der Zeit zumindest. Das gibt es ja kaum noch Platten, die man verborgen könnte. Und die habe ich sogar geborgt gekriegt von André Greiner-Pohl. Das war der Sänger von Freigang. Und der war gerade im Umland von Berlin so eine Art Gott. Wenn die irgendwo gespielt haben, dann kamen die Fans an mit Riesenkartons, mit Spargel, wenn der Autoreifen brauchte, hat er gekriegt, Ersatzmotoren von Frauen und Sex, die sich ihm angeboten haben, will ich überhaupt gar nicht ersprechen und nach der Wende sank der Stern so ein ganz kleines bisschen von Freigang, erstens waren sie verboten, dann durften sie wieder spielen und dann haben aber alle gemerkt, na die spielen auch nur mit Wasser oder kochen auch nur mit Wasser, man konnte die echten Bands sehen. Und langsam sank die Popularität so ein kleines bisschen und er war nicht mehr ganz so der Gott. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich bei ihm auch in einer Wohnung so rumgesessen habe, was eigentlich eine totale Burg war, wo keiner rinnen durfte, obwohl, weiß ich nicht, jedenfalls saß ich bei ihm in einer Wohnung rum und habe ihn abgeholt zu irgendwas oder so, sah die Platte da liegen und sagte, ey, du hast ja keine Tietplatte? Er sagte, ja, ja, habe ich gefragt, kann ich die mitnehmen? Und er hat gesagt, ja, und dann konnte ich hier dieses Lied hören.
Schön ist, dass man keine Menschen ansehen kann, welche Musik er mag oder gern hat, es sei denn, er trägt es extrem nach außen. Also als Blues-Fan kann man sich ganz gut das kenntlich machen, indem man sich eine Lederjacke anzieht, die Tramperschuhe anzieht und so weiter. Zopf, John Lennon-Brille, obwohl dann kann man auch noch Beatles-Fan sein. Jedenfalls war ich Alan Wilson-Fan und Kenneth Eat-Fan und trotzdem habe ich auch völlig andere Musik gehört. Darf man das Gruft-Mucke nennen, was jetzt kommt? Ist das miss? Ist das Gruft? Wir hören das mal an. Jörg, Army of Me. Ich finde, das ist das beste Lied von ihr. Genauso wie ich fand das How Soon Is Now, was wir da vorgehört haben von The Smith, auch das beste Lied von The Smith ist, Hang The DJ, kann ich nicht mehr hören, will ich auch nicht mehr hören. Das lief auf diesen Discos und dann sind alle so ausgerastet. How Soon Is Now ist schon besser, weil es nicht so kurz ist. Also da hat keiner die Zeit, sich das so lange anzuhören von Anfang bis Ende, damit ist man schon wieder einer der wenigen, die das durchhalten und hat schon wieder was Besonderes für sich. So krank ist die Welt, dass man das gut findet.
Aber Björk, Army of Me, habe ich lieben gelernt über MTV. Eine geniale Erfindung. Also Fernsehen finde ich ja schon gut, auch wenn ich es zu wenig gemacht habe in meinem Leben. Muss ich ein bisschen mal nachholen, mache ich dann, wenn ich alt bin. Und dann noch Musik. Fernsehen und Musik zusammengebracht. Könnte ich den ganzen Tag kicken, von früh bis spät. Das ist ja so geil. Ich habe meine ganze Inspiration aus MTV, weil man wusste ja gar nicht, wie die ganzen Bands aussehen und was das für Menschen sind. Und es gab richtig so Überraschungen und viele Lieder habe ich auch nur über MTV so kennengelernt, weil die einfach die Musik nicht so dolle war, dass keine Hits richtig geworden sind, aber die Videos waren total gut, weil die einen guten Videoregisseur kannten oder so. Und dadurch habe ich gedacht, bin ich erst auf Bands aufmerksam geworden und ich habe nichts Schöneres für mich Ende der 90er Jahre, als nach einem Konzert im Hotel im Bett zu liegen und MTV zu gucken und ganz in Ruhe mal die richtigen Bands sich anzugucken. Noch besser, aber schwieriger war natürlich Sex zu haben im Hotelzimmer und dabei habe ich so blöde klingt, auch grundsätzlich MTV laufen lassen, schon damit man also damit ich nichts verpasse und falls ein gutes Lied kommt und weil einfach Musik im Hintergrund ist ja auch schön und dann das allergeilste also ich traue mich kaum zu sagen war natürlich Sex im Hotelzimmer haben, MTV zu gucken und das eigene Video kommt. Ha. Es gibt viele gute Gründe Musik zu machen, jetzt werden es so weniger, weil es keine MTV mehr gibt. Die Welt ist so traurig.
Negativ, Christian Woman. Die große Kunst an dem Lied ist in der Strophe nicht schneller zu werden. Das ist unser großes Vorbild für Rammstein, so die Strophen zu spielen wie die braucht man so eine Ruhe, weil jeder will schneller werden, das liegt vielleicht auch im Leben, wenn man älter wird geht die Zeit schneller, dann müsste man oder dann langsamer werden wollen. Aber wenn man aufgeregter wird oder lauter wird, wird man automatisch auch schneller. Und das muss man versuchen zu unterdrücken. Und dann hat man die Kraft im Prinzip in der Langsamkeit, in den langsamen Noten als kinetische Energie gespeichert. Da haben wir gleich ein bisschen Physik hier mit drin gebracht.
Nach der Wende haben sich die Ostbands natürlich aufgelöst, weil die Kinder mehr hören wollten. Und na ja, das Ganze schlimm ist jetzt nicht, aber im Großen und Ganzen doch. Und viele haben dann, weil sie ja Musik machen wollten, angefangen, in anderen Besetzungen zu spielen. Und dann haben sie meistens gemerkt, dass es auch nicht funktioniert hat und haben sich dann wieder in Originalbesetzungen zusammengefunden wie Sando, The Art, Die Skeptiker. Aber dann war es irgendwie auch zu spät, weil dann war der Zauber dann auch irgendwie raus. Aber es gibt auch Bands, die in ihren Nachfolgeprojekten erfolgreicher waren als Originalband. Und eine davon ist Starwater mit Noon.
Herzlich willkommen zum zweiten Teil der heutigen Sendung. Wie es weitergeht, muss ich mal auf Natascha Atlas gucken. So Natascha Atlas, der Name erinnert mich an den Deutschunterricht, wo man immer die Mehrzahl bilden muss. Bilden Sie die Mehrzahl? Also es gab ja so schwierige Wörter wie Wurst. Nee, Wurst sind Wurst, das weiß ich schon. Fleisch meine ich, die Fleischs. Nee, Atlas, Mehrzahl bilden. Ich wusste natürlich die Atlanten, aber ich hätte ja nicht mich so geil fühlen zu brauchen, denn die Atlasse ist auch richtig, wenn auch weniger gebräuchlich, man kann auch die Atlasse sagen oder die Atlanten eben, was völliger Blödsinn ist, weil Natascha Atlas gibt es ja nur einmal, man kann ja nicht sagen die Natascha Atlasse, Nataschas Atlasse, aha, muss man die Mehrzahl doppelt bilden oder nicht, die Natascha Atlasses, also das ist jedenfalls die eine Natascha Atlas, die ich kenne.
Atlasse, Atlanten gibt es noch mehr, die kann man nämlich auch für andere, nicht nur für kartografisches Material bezeichnen, die Atlanten, sondern es gibt auch den Atlas der Frühjahrsblüher oder Atlas der Fußballspieler, die bei Union rausgeflogen sind oder weiß ich, irgendwas. Ich meine aber, wenn ich von Atlas spreche, meine ich den richtigen Atlas und da fällt mir die Geschichte zum Thema passend ein, wenn wir von der Wende sprechen, hatten wir in der DDR natürlich auch Atlanten, den Schulatlas, wo der Westen wirklich eine weiße Fläche war. Ich lüge nicht, ich hasse diese Klischees aus dem Osten, die Hälfte ist rot, die Hälfte ist irgendwie ausradiert oder so im Atlas, aber bei uns war Westdeutschland wirklich eine weiße Fläche. Ich weiß bis jetzt noch nicht, wo Stuttgart ist oder so. Aber die Atlanten wurden produziert in Gotha, bei Hack Gotha. Und die hatten eine Werbung, riesengroß in allen Zeitungen oder so. Hack Gotha, also mit A-A-C-K. Entdecken Sie die Welt mit Hack Gotha. Und das war so zynisch wie diese Witze. Ey, Alter, ich war schon mal in Amerika. Mit dem Finger auf der Landkarte. Wir Ostler waren dank Hack Gothler mit dem Finger auf der Landkarte. In Amerika und sonst wo. Und dann kam die Wende, die Mauer ging auf und wir konnten überall hinfahren. Aber was weit interessanter war, viele Sachen aus der Welt haben den Weg zu uns gefunden in Form von CDs, in Form von Musik. Und hier ist eine dieser CDs, die auf der Musik waren oder umgekehrt, die nach der Wende zu mir ins Haus flatterten.
Sheryl Crow, The Book. Ich weiß nicht, von welchem Buch sie spricht. Ich habe jetzt nicht hingehört. Ich habe das Lied so oft gehört früher. Nach der Wende hatte ich auch mal eine Freundin und die hat die CDs irgendwie so mitgebracht. Und dann liefen die bei uns. Wir hatten sogar einen CD-Player. Das ist ja erstaunlich. Dann lief die und lief die und irgendwann findet man die dann auch richtig gut. Dann entdeckt man auch die späteren Titel, die nicht so die Hits geworden sind oder so. Die finde ich dann meistens viel besser, wenn die erstmal meine Kruste durchbrochen haben. Dann sind sie auch drin festgehakt und verlassen mich nicht mehr. Also ein Titel, den ich beim Späthören, wenn ich mir die Platte sozusagen erarbeitet habe, dann gut finde, finde ich eigentlich mein Leben lang gut. Titel, die ich gleich beim ersten Mal höre, kann sein, dass die aus meinem Leben wieder verschwinden. Aber dieser eben hat dazugehört und der, der jetzt kommt, gehört auch dazu. Ich bin da Alt-Ostler, ich bin da treu. Wenn ich eh mal eine Westplatte habe und die höre so oft, dann lasse ich die auch nicht mehr los. Hier ist nochmal Sherry Crow. Sherry Crow Home.
Wenn für viele die Wende der Zeit des Aufbruchs und Ausbruchs ist und in die Welt rausgehen, präsentiert für mich eher einen umgekehrten Charakter. Ich habe mich nach der Wende nach innen zurückgezogen, habe eine Wohnung besetzt mit einem Freund und habe versucht, mir ein Home zu errichten, wie Sherry Crow auch sagte. Und da saßen wir dann da drin, haben Musik gemacht, aber eine schöne Frau mit Geld wäre noch ideal. Ich wollte nie ne Boeing fliegen, keine Rallye fahren, nicht auf Olympiaden siegen, das strengt mich zu sehr an. Tennisclubs sind überholt, wie Buttons am Revers, selbst mit Mildredschil verkehrt, das gibt für mich nichts her. Nur eines auf der Welt, ne schöne Frau mit Geld, eine die mich unterhält.
Ein sehr schönes Lied. Obwohl dieses Lied schon ziemlich früh gemacht worden ist, ich glaube es von 85 oder so, haben wir das nie gehört im Osten, weil wir natürlich auch darauf angewiesen waren, was unsere Westfreunde uns für Platten mitbringen. Und die Platte fanden wahrscheinlich die Westler so blöde, dass sie die nicht gekauft haben und dass wir sie dadurch nicht gehört haben. Das ist natürlich fies, wenn man sich seinen eigenen Geschmack im Prinzip so vorkauen lassen muss. Aber so warten nun mal. Ideal wirklich, also ich kenne nicht viele, die dieses Lied kennen. Aber das Thema schon.
Ich spiele jetzt mal zur Entspannung mein Lied, was ich selber nicht kenne. Das ist auch mal was. Das kann nur besser werden, sag ich mal. Tale von Avonation. Ich muss ab und an mal was Frisches spielen, sonst denken alle, ich bin völlig hier vergründet im Kopf, wenn ich immer nur so alte Zeug spiele, aber das sind natürlich meine, also die Musik, die man in der Jugend hört, prägt einfach das ganze Leben, das kann man im Alter nicht mehr ändern. Und Nikkev fand ich vom ersten Ton an gut, obwohl ich nicht wusste, dass der da noch gelebt hat oder so. Für mich gab es so Johnny Cash und Nikkev, das war für mich dasselbe, so Nikkev, so der kleine Bruder von Johnny Cash. Und als mal irgendjemand gesagt hat, mir ein Bild von dem gezeigt hat und gesagt, der lebt noch, sagt, nee. Ja, und der spielt in Berlin in einer Volksbühne. Was? Ich hab die da, das sind für mich zu den Welten zusammengekommen und habe gesagt, das ist ja verrückt, geht die Mauer auf und auf einmal, da leben die Typen wieder. Das ist natürlich totaler Quatsch, aber ich wusste ja davor gar nicht, dass es die, also das hat ja auch Blixer mitgespielt, das war ja sogar im Prinzip ein Deutscher, also von uns. Und ich war völlig geschockt und dann habe ich auch gemerkt, dass ich doch nicht der Einzelne bin, der Nikkev irgendwie kennt und gehört hat, was heißt kennt, der die Musik so kennt, sondern dass es gerade in West-Berlin ganz normal alles, dass jeder Nikkei-Fan ist. Also ich fühle mich jetzt fast wie ein Westbär.
My Life, live, also zweite Live heißt, dass das live gespielt wurde, das erste Live ist das Leben. Die Rettels, das Lied ist natürlich schon viel älter, aber ich habe natürlich erst nach der Wende erfahren, dass das Lied von einer deutschen Band ist. Die Rettels sind eine deutsche Band aus Hamburg. Achim Menzel, hätte ich fast gesagt, das war Achim Reichel, hat die 1961 mit seinem Freund gegründet, der einfach mal in der Schule gesagt hat, du Alter, ich habe eine Gitarre. Er sagte, ach toll, dann machen wir jetzt hier eine Band auf und haben geübt in einer Jugendfreizeitstätte vom Hanseatischen Jugendbund. Und die waren natürlich unten im Keller, weil sie laute Musik gemacht haben und jetzt keine Chorsänge oder so. Deshalb haben sie die ganz nach unten verbannt, hätte ich genauso gemacht. Und da rannten die Ratten rum und deshalb heißt die Band Die Wettels. Das ist ganz einfach manchmal. Der kurze Weg, wie auch die Kripo sagt, ist oft der richtige. Dann müsste man eigentlich die backende Bills auch anders nennen, weil die waren bei uns im Nachbarkeller und der Keller hieß die Tropfsteinhöhle ihr Proberaum, jetzt kann man mal sich überlegen, was Tropfsteinhöhle jetzt auf Englisch heißen würde und schon hatte man wieder einen super Bandnamen für eine super Band. Aber wir sind bei den Weddels. Weddels, nicht Weddels mit Doppel-D, aber in Sachsen sind es die Weddels.
Und Achim Reichel hat auch alleine schon Musik gemacht, die wir vor der Wende gehört haben und erst nach der Wende erfahren haben, dass er das eigentlich ist und dass es auch richtig gut ist. Also wir hatten ein Lied mal auf einer Kassette, da sang er vom Riverside Drive, wo ist der denn? Also wir kannten keines der Wörter, aber wir haben dann irgendwann mitgekriegt, er singt wohl wahrscheinlich doch von New York und dadurch hatte ich ein Bild von New York, von einer heißen Sommernacht, wo es stinkt. Und die Ratten, die rennen natürlich da auch um. Das ist wahrscheinlich in jedem Lied so ein bisschen versteckt. Die Regisseure sind ja auch gerne in ihren Filmen drin. Immer mal ganz kurz, obwohl das jetzt ja nichts damit zu tun hat, hat auch in jedem Lied eine kleine Ratte untergebracht. Ich will ja nicht drauf reinnehmen, was wir in den Liedern so unterbringen als Wiedererkenner. Und jedenfalls hatte ich dann ein Bild von New York vor symbolischem Auge oder ein symbolisches Bild vor meinem geistigen Auge, was echter war im Prinzip als das echte. Und als ich dann wirklich nach New York gefahren bin, habe ich gesagt, Mann, Musik ist doch ein Wunderwerk. Ein Musiker hat es geschafft, durch ein Lied mir eine Stadt nahe zu bringen, dass ich eigentlich ja nicht hinfahren müsste. Also mit einem Finger in einem Harkota-Atlas hätte auch gereicht, um mal New York zu sehen oder dieses Lied zu hören.
Butterfly, ich habe ihn erst mit Paul Butterfield verwechselt. Butterfinger gibt es auch noch aus, ähm, nee, die die Australier heißen Powderfinger, Butterfinger sind diese Erdnussbutterstangen, Butterfinger, die sind ganz wieder, also wenn man sich mit Erdnussbutter einmal zu viel gegessen hat, kann man das nie wieder essen und bei mir ist der Punkt erreicht, Butterfinger esse ich nicht, Paul Butterfield ist es auch nicht, Iron Butterfly ist es und das Lied habe ich ausgesucht, weil das eigentlich nicht geben dürfte, ist wie mit vielen Kindern, das ist eher zufällig entstanden. Also die waren im Studio in New York, da habe ich wieder den Bogen geschlagen von Achim zu Iron Butterfly und die haben Musik gemacht im Studio, aber sind nur reingegangen und haben eine Art Soundcheck gemacht, haben erstmal so losgespielt und der Toningenieur Don Casale war wohl betrunken. Er hat jedenfalls einfach das Band mitlaufen lassen, als die Gruppe das mal so ein bisschen vor sich hingeübt hat und das ist angeblich die Aufnahme, die wir gehört haben. Man muss nicht alles loben, was in der Zeit lang steht, aber wäre auf jeden Fall eine schöne Geschichte. Aus Versehen macht man oft andere Sachen, als wenn man nachdenkt, weil man dann eben nicht auf die Wirkung bedacht ist, wie das ankommen könnte und wenn Sachen gut sind, dann sind sie gut und Sachen werden nicht gut, wenn man sie so entwickelt, dass man denkt, dass die Leute das gut finden. Es ist oft so, dass die Sachen sowieso so sind, wenn man die hört, wie man denkt. So ging es mir früher, wenn ich zum Freigangkonzert gegangen bin. Ich war absolut begeistert. Wenn André auf die Bühne kam, war der Raum verzaubert. Das klingt ja so abgedroschen. Und es war so eine Power, er hat mich in den Bann gezogen und mit mir die ganzen anderen hunderte Blues-Fans, die durchs ganze Land gezogen sind, um kein Konzert von ihm zu verpassen. Und nach der Wende, deshalb komme ich jetzt wieder in dieser Sendung aufs Thema, habe ich gemerkt, dass die ganzen Lieder überhaupt nicht von Freigang sind, sondern von den Duas. Eine für morgen, eine für heute.
Das Wedding. Der Song heißt Sad Song und da steht noch Far, Far, Far, Far, Far. Und da fiel mir eine Sache ein, die mit der Wende zusammen ist. Ich habe bei der Wende aufgehört, mir Seifen und Kosmetikartikel aus dem Westen aufzuheben, um dran zu riechen. Ich hatte diese Far, also war die Seife, diese grünen, da habe ich immer an der Schachtel gerochen. Ich habe eine leere Parfümflasche mal von meiner Mutter geschenkt gekriegt, als ich zwei war oder so. Die habe ich jetzt noch, die riecht sogar noch ein bisschen. Aber diese ganzen Seifenpackungen habe ich ja auch aufgehoben. Ich hatte mal ein Flieder-Shampoo, das roch ein bisschen nach Oma, aber das habe ich gerne gerochen dran. Und dann bin ich immer ins Bad gegangen, wenn es mir nicht gut ging, und habe dann irgendwas gerochen. Und damit habe ich nach der Wende aufgehört, weil da konnte ich mir die ja endlich neu kaufen. Und ich konnte auch modernere Musik hören.
Wer Jazz macht, dem ist die Wende egal. Für Jesser gibt es keine Grenzen, keine Gesetze, außer die Naturgesetze. Das war schon vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf meine berühmte Saxophonsendung, die dann irgendwann mal so kommen wird. Und bis dahin, also ich hoffe, ich mache dazwischen noch ein paar andere. Man kann ja nicht immer nur sowas Schlimmes machen. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Zeit und möge Ihr Weg immer durch den Sonnenschein gehen, auch wenn es nur mental gemeint ist für Sie.