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Flake talks about chile.

Transcript

Radio 1, Flake, des Tastenfickers Podcast. Hallo, herzlich willkommen, da sind wir wieder. Ich lüfte mal gleich am Anfang ein Geheimnis. Ich bin Stones-Fan. Obwohl, kann man jetzt nicht mal sagen, weil seit dem Tod von Charlie Watts gibt es de facto für mich die Stones nicht mehr. Die akzeptieren, existieren nicht mehr. Und ich glaube nicht, dass man Fan von was sein kann, was es nicht gibt. Das ist ja totaler Quatsch. Als Fan, da folgt man ja der Sache und so. Wie soll man einer Sache folgen, die schon tot ist? Also ich war Stones-Fan und was noch weniger Leute wissen werden, ich bin in der DDR aufgewachsen. Na gut, hab ich schon mal erzählt, glaube ich. Aber was wirklich wahrscheinlich wenige wissen, ist, dass ich mit Erich Honecker eine Leidenschaft teile. Und zwar sind wir beide große Fans von Chile. Ich weiß nicht, wieso es bei ihm so war. Bei ihm ging es ja dahin, dass er sogar nach Chile gefahren ist, um da seinen Lebensabend oder schon fast späten Abend zu verbringen. Und da zu sterben, kann aber auch einfach dran liegen, dass er sich einen Ort ausgesucht hat, der El Paraiso heißt. Und wenn man schon alt ist und sterben wird, wo geht man dann hin, wenn nicht ins Paradies? Ich bin Fan, auch wegen ihm. Aber ich fange mal früher an.

Ich bin, wie gesagt, in der DDR aufgewachsen, als Schüler, nee, als Kleinkind. Im Kindergarten war ich ja leider nicht da rumgerannt. Ich wusste, dass es eine Mauer gibt. Ich habe eine Friedhofsmauer, eine Schulmauer, eine Fabrikmauer. Da gab es auch irgendeine Mauer in Ostkreuz oder so. Das war dann wohl die Staatsgrenze oder so. Für mich war Mauer gleich Mauer. Geht man einfach nicht drüber. Hab mir keine Gedanken gemacht. Und ich dachte, ich wusste, dass es die DDR gibt, klar. Aber ich wusste auch, dass es eine ganze Welt gibt. Und als ich in einer Vorschule war, während ich im Kindergarten war, war in einer Vorschule im Osten. Hab ich ein Teddy gemalt und so, hab ich alles schon mal erzählt. Haben wir auch ein Lied gelernt über die zehnten Weltfestspiele, die im Sommer stattfinden sollten. Es ging irgendwie, ja, ja, wir treffen uns auf jeden Fall, Sommer 73 zum 10. Festival. Ja, ja, wir treffen uns auf jeden Fall, ich weiß nicht, ob das normal genau Sommer 73 zum 10. Festival normal gesungen wird oder so. So einfallsreich war das nicht. Jedenfalls haben wir das gesungen als Klasse und wussten nicht, was da auf uns wartet. Aber das war wirklich ein Jugendtreffen auf dem Alexanderplatz im Friedrichshain. Da kamen Jugendliche aus aller Welt. Die hatten so Tücher um, die man unterschreiben konnte. Und da waren Franzosen und Engländer. Ich dachte, die ganze Welt ist da versammelt. War es vielleicht auch. War für mich ganz toll. Mein Bruder ging schon zur Schule, ich noch nicht. Aber es waren ja auch Ferien. Wir sind immer in Friedrichshain gegangen. Leider mussten wir immer um drei, vier wieder zurück sein bei unseren Eltern. Deshalb haben wir von allen Veranstaltungen nur den Soundcheck erlebt. Also die Bands haben aufgebaut. Und früher war das ja nur so, dass die Bands sich beim Soundcheck richtig Mühe gegeben haben. Jeder hat gezeigt, was er kann. Der Trommler so, damit alle sehen, was er kann, die Gitarristen auch so und ich konnte mir das in Ruhe so angucken mit meinem Bruder, die Konzerte habe ich leider nie gesehen und ich glaube, so war es eigentlich sogar noch viel besser für mich, weil so habe ich eigentlich richtig meine Liebe zur Musik entdeckt, ich habe gedacht, das will ich auch mal machen, so einen geilen Soundcheck, die Instrumente mal richtig spielen, weil jeder hat so richtig gezeigt, was er kann, man konnte sich richtig ein Instrument aussuchen und so, dann musste ich so leider gehen.

Dann kam ich zur Schule, 1973. Und schon in der dritten, vierten oder zweiten, dritten Schulwoche wurde uns über Chile erzählt. Da hat die Lehrerin gesagt, hier ist Watyans, Schlimmes passiert. Die haben die Regierung weggeputscht. Mit dem Wort Putsch konnte ich noch überhaupt nicht anfangen, aber ich habe es schon gehört, in der ersten Klasse. Allende ist tot, großes Drama, das Land ist bombardiert im Krieg, wir müssen helfen und obwohl wir noch nicht schreiben konnten, hat unsere Lehrerin den Namen Luis Corvolan an die Tafel geschrieben und wir haben alle ein Kärtchen gekriegt und Buntstifte und haben dann Luftballons gemalt und Blümchen und haben da diesen Namen hin übertragen. Die Lehrerin hat gesagt, wir schicken das alles nach Chile, damit die den Luis wieder freilassen und das werden wir hundertprozentig schaffen. Das sind Säckeweise mit Briefen und Glückwünschen, das müssen die, die müssen die dann einfach dann freilassen. Und habe ich natürlich ganz begeistert gemalt und geschrieben, habe so richtig von der Tafel so abgeschrieben und dann haben die das abgeschickt und hat genützt. 76 ist das schon entlassen worden, also da glaubt man mal gar nicht, wie viel Kraft in den Schülern gesteckt hat. Und mein Bruder ist drei Jahre älter als ich, der hat Angela Davis freigekämpft, da hat es auch geklappt.

Aber wir sind ja hier in einer Musiksendung, also spielen wir Musik. Hier ist Flaco, Flaco Gimires en vivo. Flaco Gimires, der heißt ja auch nicht Flaco Gimires, der heißt Leonardo Gimires, der hat es wie ich gemacht. Also wahrscheinlich nicht selber gemacht, sondern der hat wahrscheinlich den Spitznamen Flake gekriegt. Flakito heißt sowas wie das dünne Insekt, der Grashüpfer, so Flakito. Und der war wahrscheinlich lang und dünn oder ist noch oder lebt da noch, ich weiß ja nicht. Ja, er lebt noch, jetzt zumindest noch. In deinem Flakus und Spitzname wie der Spacke oder so, würde man bei uns sagen. Ich kenne es auch Knochenkelle, Knochenkalle, wieso Kelle? Und er ist gar kein Chilene, er ist ein Amerikaner aus San Antonio, Texas, aber für mich, ich verbinde das einfach mit Chile, die ganze Musik. Ich bin da, alles, was aus Südamerika kommt, verbinde ich mit Chile, weil alles, was aus Südamerika kam, früher kam aus Chile, weil ich ja nur Chilene kannte oder so.

Und das kam so. Ich war in der Schule und kurz nach dem Putsch kam unsere Lehrerin und sagte, Jungs, wir haben hier einen neuen Mitschüler. Das ist der Martin, der kommt aus Chile. Martin war natürlich frisch aus Chile, hat kein Wort Deutsch gesprochen, war völlig verschüchtert. Und alle wollten sein Freund sein, aber die Lehrerin hat ihn neben so ein Mädchen gesetzt, damit er irgendwie Anschluss findet. Er hatte noch einen großen Bruder mit, der war bei meinem Bruder in der Klassenstufe. Und ich habe mich natürlich brennend interessiert für so einen neuen Schüler. Und als der dann mal uns mitgenommen hat zu sich, bin ich völlig ins Essen gefallen. Der hatte so geiles Westspielzeug. Der hatte diese grauen Indianer, aber nicht mal drei oder vier wie wir oder Soldaten, der hatte hundert. Der konnte eine ganze Schlacht aufbauen, der hatte ein Schlachtfeld. Und ich habe versucht, jeden Tag zu ihm irgendwie zum Spielen zu kommen oder so. Der hat zum Glück zwei Türen neben der Schule gewohnt, ist trotzdem immer zu spät gekommen. Was nicht daran liegen muss, dass er aus Chile kam, sondern eher daran, dass er so nah an der Schule gewohnt hat, weil es kam nur noch einer später als er. Das war Familie Behrendt und die haben direkt neben der Schule gewohnt. Die sind jeden Tag zu spät gekommen und er ist immer als Vorletzteil gekommen. Und unsere Lehrerin hat versucht, ihn zu integrieren natürlich sehr und hat mit ihm zusammen, also er hat ihr ein chilenisches Kinderlied beigebracht und sie hat natürlich gesagt, das müssen wir jetzt als Klasse zusammensingen. Ich kann es vielleicht noch so ein bisschen. Los Bajitos diesen Pio, Pio, Pio. Quand dort hier einen Ambra. Quand dort hier einen Frio. Oder irgendwie sowas. Und ich wollte das jetzt natürlich spielen. Und habe was, ich sage nicht was Identisches gefunden, aber was sehr Ähnliches gefunden. Also Pio, Pio heißt auch, weil das Piep, Piep macht. Also Pio, Piep, haben wir schon unser erstes Wort auf Spanisch gelernt. Und das ist das kleine Küken. Und wir hören uns mal die deutsche Version davon an. Im Video erkennt man das besser, ich gucke mir sowas immer auf dem Video an, auf YouTube. Der Trecker überfährt das Küken, das ist eine traurige Geschichte eigentlich, aber ich finde das Lied irgendwie gut. Das ist musikalisch ganz ausgebufft, weil er sagt immer, das Küken macht Piep, ist immer eine andere Anzahl. Weil das ist, ob es gerade oder ungerade ist mit den Tieren. Das Küken macht piep, das Küken macht piep, das Küken macht piep. Oder nur das Küken macht piep, das Küken macht piep. Das ist immer anders, als ich gedacht habe. Ich habe immer mitgefiebert, sagt er zweimal, dreimal, viermal. Ich glaube, in der einen Stelle sogar fünfmal. Das Küken macht piep, verrücktes Lied.

Martin ist leider sitzen geblieben. Er hat einfach zu wenig Deutsch verstanden, um dem Stoff folgen zu können. Ich wünschte mir heutzutage, die Kinder würden öfter so sitzen bleiben und die Klasse dann richtig lernen oder so, nicht so durchgepeitscht werden, weil irgendwie ist es jetzt eine Schande, wenn man Sitzenbleiber ist und die Eltern sagen, nein, mein Kind muss auf jeden Fall weiter, es darf auf keinen Fall sitzen bleiben. Früher waren die Sitzenbleiber die coolen, weil das waren ja die Älteren, also das waren ja dann die Chefs aus der Klasse oder so. Also ich sage jetzt nicht, man ist gerne sitzen geblieben früher, aber es war keine Schande, wenn man sitzen geblieben ist. Und viele haben jetzt irgendwie mit 15 ihr Abi oder so und dann hängen sie rum. Dann hätten sie auch im Kinderjahr so rumhängen können, statt dann mit 15 oder so. Das ist meine persönliche Meinung. Martin war weg. Der chilenische Fieber blieb in uns. Und wir hörten auch privat der chilenische Bands, zum Beispiel Inti Illimani. Das war eine Band, die das durch Victor Jara beeinflusst und haben diesen Neofog mitbegründet in Chile. Haben schon gespielt, waren sehr linksorientiert und zur Zeit des Putsches waren sie gerade in Italien und konnten da natürlich nicht zurück. Und waren im Prinzip die ganze Zeit im Exil. Erst acht Jahre später konnten sie wieder zurück oder zehn. Und in der DDR waren die bekannt und beliebt. Ich glaube, sie haben auch mal live gespielt im Haus der jungen Talente und Festival des politischen Liedes. Aber ich kannte sie von einer Platte.

Ich in der fünften Klasse war, ging wieder die Tür auf. Der Klassenlehrer schob wieder so einen Jungen mit dunklen Haaren und braunen Augen rein und sagte, hallo, das ist der Paulo, das ist der neue Schüler, der kommt aus Chile, der ist auch vom Putsch geflohen. Und da habe ich erst mitgekriegt, so richtig, dass Erich Honecker oder die Regierung generell natürlich mit der Allende-Regierung befreundet war und dieselben Ziele hatten. Und dass sie die kommunistischen Chilene natürlich nach dem Putsch extrem unterstützt haben, indem sie ganz viele in die DDR aufgenommen haben und ausgebildet haben und so. Das sollte ich aber erst später merken, dass das ganz viele sind. Das war jetzt der Dritte im Prinzip, weil Alvaro war der Bruder von Martin und jetzt kam Paolo als der Dritte. Und dieses Mal ist er glücklicherweise neben mich gesetzt worden, weil ich war zu der Zeit der Klassenbeste. Man sollte es nicht glauben, wie ich das geschafft habe. Ja, das ist mir jetzt so ein Rätsel. Jedenfalls, oder nee, ich glaube, weil neben mir da saß keiner. Da war einfach der Platz frei, weil neben mir keiner sitzen wollte. Dit war der richtige Grund. Das kann an meinen Sachen gelegen haben, oder dass ich mir die Haare so selten gewaschen habe, weil ich dachte, aber das ist völlig ein anderes Thema. Oder dass ich ein Nachthemd anhatte, weil ich dachte, das ist ein T-Shirt, weil es ein Westpaket war. Ich habe alle so angezogen, was aus dem Westen kommt. Das könnte auch einer der Gründe sein, weshalb keiner, also ein Mädchenkleid eigentlich, dass ich jetzt keiner neben mir sitzen wollte. Aber Paolo ist ja nicht gefragt worden. Das war das große Glück, er ist einfach neben mich gesetzt worden. Und er konnte schon ein bisschen besser Deutsch, weil, wie ich später erfuhr, hat er schon drei, vier Jahre in Rostock gelebt davor und da schon Deutschlands so kennenlernen dürfen von seiner schönsten Seite. Er war sehr lernbegierig, was mich gefreut hat, weil das erhöhte die Chance, dass er nicht auch so sitzen bleibt und ich ihn wieder so verliere.

Ich habe mich natürlich gleich mit ihm so angefreundet und bin mit zu ihm in die Wohnung gegangen und dachte, vielleicht hat er auch diese geilen Indianer und Soldaten, dieses geile Spielzeug, hat er nicht gehabt. Denn seine Eltern waren Künstler. Sein Vater war Regisseur, später am BE, hat die roten Pferde auf grün Gras oder blaue Pferde auf rotem Gras gemacht. Also das Stück hieß so. Und seine Mutter war Schauspielerin. Das heißt, sie waren Intellektuelle und Künstler. Und da waren natürlich nicht 100 Soldaten im Spielzeug, sondern da stand alles nur voller Bücher. Und ein kleines Stabsregal hatten sie, das haben wir später gefunden, aber damals noch nicht in dem Alter. Jedenfalls war es bei ihm sehr schön, auch wenn kein Spielzeug da war. Denn wer Künstlereltern hat, hat sturmfreie Bude. Weil die gehen ja abends spielen, ist ja klar. Und dadurch bin ich abends sehr gern oder auch am ganzen Tag zu ihm gegangen, weil wir da Frieden hatten und Ruhe hatten. Und wir hatten auch noch einen Freund, der hieß Piet, der hat im Nachbarhaus gewohnt. War auch in der Spanisch-Leistungsklasse irgendwie an der EOS. Damals noch nicht, aber später dann. Jedenfalls hat er sich auch sehr für die Chilenen interessiert. Und wir haben Musik gehört und Party gemacht und die erste Zigarette geraucht und so.

Und die Partymusik, die wir dann gehört haben, war weniger chilenische Folklore oder Neo-Folklore, sondern wir haben neben den Stones natürlich Punk gehört, weil es war die Zeit des Punks. Und es musste laut sein. Das klingt so, wie die Oper erzählt vom Krieg. Also wir haben die Sex bis jetzt gehört und wir hören die jetzt auch ab jetzt. Das war vor uns das Größte, das ist der Destroy, das ist der Zerstören geschrien hat und das hat uns getroffen und die Chilenen fanden das natürlich auch geil, zumal die in den Westen fahren konnten und die gute Musik mitbringen konnten und so, das haben wir zusammen gehört, aber da hat sich schon aufgetan ein interessanter Gegensatz zwischen uns Ostdeutschen und den Chilenen. Wir waren ja in einer Rebellionsphase, erstens altersbedingt, musikbedingt und gegen irgendwas und haben immer rumgemeckert, ja scheiß Staat und so, scheiß Bullen und so. Und die Chilenen, die haben immer gesagt, ey, was denn, ihr habt es doch gut, hier ist doch alles richtig. Und wir, nee, das nervt doch total. Und die, nee, wisst ihr, was nervt, wenn die Verwandten erschossen werden oder so, wenn Krieg ist und wenn Pinochet an der Macht ist. Ihr habt doch hier das Paradies. Ihr kriegt hier Milch in der Schule, ihr kriegt hier Essen und der Unterricht ist cool, euch kann nichts passieren. Ihr habt uns aufgenommen, die Regierung von euch ist doch total nett. Und wir so, äh, ja? Die, ja, ihr habt hier das richtig. Also so, wir sind extra so hierher gekommen, weil es hier so geil ist. Was wollten die im Westen? Und wir, ach so, ja, also dann eben so. Und die haben uns eigentlich erst richtig die Augen geöffnet über unser Land, wie geil das bei uns ist. Weil die haben das eben den Blick von außen gehabt und konnten uns richtig erklären, dass wir das in der DDR extremst gut hatten und dass die sich hier auch sehr, sehr wohl gefühlt haben. Zumindest in der ersten Zeit. Aber das hat sie natürlich nicht davon abgehalten. Auch die jugendliche Rebellion auszuleben und der ordentliche Paolo, der in der Schule immer auf lieb und nett gemacht hat. Ich meine, der hat auch genauso viel Scheiße gebaut wie Ikke. Aber ich bin immer bestraft worden und er nicht, weil er war ja der nette Kommunist, dem geholfen werden musste. Und letztendlich greife ich mal vor, hat er sogar so Abitur machen dürfen und ich bin irgendwie, naja. Aber er hat natürlich genauso viel Spaß an diesem Punk-Sein und, ich sage jetzt nicht am Zerstören gehabt, aber im Prinzip doch. Weil wir haben dann bei einem Freund in einer Wohnung uns immer getroffen, wo die Eltern auch Künstler waren. Ist gut, wenn man Eltern hat, die Künstler sind, weil dann ist immer die Wohnung frei. Der hatte einen toten Kopf als Aschenbecher, das hat mich so beeindruckt, natürlich kein echter. Aber es gibt es. Und wenn wir da stundenlang saßen, war auf dem Schädel noch so ein Berg aus Kippen. Die Bude war hoffnungslos verqualmt. Wir hatten trockene Münde, haben schlechten Kaffee getrunken, in der Bude gesessen, auf einer verstimmten, billigen Holzkitarre so rumgeschrammelt.

Ich habe mit meinem Englisch versucht zu singen, aber wie man gleich hören wird, war mein Englisch, was ich konnte, genau das, was die Sexpistols gesagt haben. Ja, ähm, textlich, also die Welt kann recht dankbar sein, dass ich kein Sänger geworden bin, merke ich gerade mal wieder. Aber ich habe dann doch nochmal versucht, danach zu singen. Und zwar habe ich dann in einer Band gespielt, die Feeling B hieß. Aber da ich mit Paolo immer noch befreundet war, und zwar so eng im Prinzip. Bei meinem ersten Konzert mit Feeling B sind wir mit der Gruppe Freigang nach Teltow gefahren und durften da im Prinzip unerlaubterweise, weil wir keine Spielerlaubnis hatten, in einer Pause, als sie ihre Bratkartoffeln gegessen haben, kurz in Teltow, im Sack, so hieß der Club, auf die Bühne. Und ich weiß nicht, ob sie uns nach dem ersten Lied von der Bühne gekloppt haben. Ach nee, beim ersten Lied ist mir der Stecker aus der Auge unten rausgerutscht. Und ich habe im Prinzip nur noch optisch mitgespielt. Und die Band hat irgendwie vier Titel gespielt. Die Leute wollten uns verprügeln, die Freigang-Fans. Da musste André von seinen Bratkartoffeln aufstehen und sagen, ey, klappe jetzt, die spielen Kumpels von mir. Klatschen. Dann haben sie geklatscht natürlich, wenn André was sagt, dann wird es ja auch gemacht. Und wir sind Sonntagfrüh los und irgendwie abends wiedergekommen und dann habe ich mich mit Paolo in der Belforter Straße getroffen, haben wir uns aufs Fensterbrett gesetzt und ich habe ihm detailliert das Konzert, den ganzen Auftritt mit Soundcheck und Suff und allem drum und dran genau erklärt. Und er hat gesagt, Mensch geil, dann mach das mal, vielleicht hast du ja mal eine richtige Band und vielleicht wird das ja was oder so. Nach dem ersten so Konzert und wenn man denkt, dass wir jetzt immer noch zusammen sind und jetzt ist er sogar mit in der Band als Crew, ist das echt Wahnsinn.

Jedenfalls haben wir mit Feeling B dann auch Lieder gemacht und ein paar habe ich gesungen bei unserer Sänger, die einfach zu blöde fand und nicht singen wollte. Und ich habe gedacht, also ich wollte ja sowieso Paolo ein bisschen besser Deutsch beibringen und er wollte mir dafür Spanisch beibringen. Und da hat er gesagt, immer dieses Englisch-Gesinge, sing doch mal auf spanischen Lied. Sag ich, ja, gute Idee. Und dann habe ich irgendwie so einen Text gemacht, das ist fast übertrieben für den Unsinn. Und er hat mir den in Spanische übersetzt und hat mit mir ein bisschen geübt, wie man das ausspricht und so. Und man lobt es nicht. Aber dieser völlige Schwachsinn kam dann sogar auf eine Amiga-Platte von Feeling B.

Kim Wild ist mein Maser. Also der Refrain ist auf Englisch, aber die Strophen auf Spanisch. Kim Wild, das letzte Mal live gespielt haben wir das Lied, als Aljoscha gestorben ist und da die Gedächtnisveranstaltung im Kesselhaus war, in der Kulturbrauerei. Da konnten wir was spielen, weil Aljoscha da ja nicht mitgesungen hat, so richtig, nur ein bisschen im Refrain, da konnten wir was noch spielen, als er gestorben war. Jetzt werden wir wohl nicht mehr spielen, zumal die Band sich aufgelöst hat, mehr oder weniger.

Wir waren nicht die einzigen, die sich in der DDR mit Chile beschäftigt haben. Auch Chris Dörk, die das erste Mal schon in Erscheinung getreten ist, weil sie die zehnten Weltfestspiele der Jugend, von der ich am Anfang erzählt habe, auch mitorganisiert habe, da sie auch politisch sehr engagiert war. Sie war im Traum-Duo mit Frank Schöbel verheiratet. Heißer Sommer, immer noch. Also, ich habe ihn jetzt noch mal gesehen, da fand ich ihn nicht mehr so gut. Aber als ich ihn so als später Jugendlicher gesehen habe, war ich völlig begeistert von Chris Dörck oder so. Ich weiß nicht, ob sich Dean Reed doch wegen Chris Dörck dann im Eichwalder See ertränkt hat oder ob es da um Renate Blume ging, aber eine von beiden war es auf jeden Fall. Chris Dörck hat sich jedenfalls scheiden lassen von Frank Schöbel, war dann mit Uwe Schikora zusammen, aber der ist bei einer Konzertournee in Kuba, nach Kuba, in Gander geflüchtet. Ich habe noch nie was von Gander gehört oder so. Ich weiß gar nicht, ob es zu Kuba gehört oder ob es irgendwo unterwegs war. Jedenfalls blieb er da. Und danach hatte sie keinen zweiten Partner mehr. Und dann hieß es nur noch Chris Dörck und ihre Musikanten. Wenn man so heißt, ist es besser, falls jemand mal aussteigt oder so. Und sie hat auch ein Lied über Chile gemacht, was wunderschön ist. Die Rose von Chile. Ich hätte es nicht schöner sagen können.

Das Blöde ist, dass man bei Mercedes jetzt wirklich an das Auto denken muss. Ah, ist Mercedes geil? Welche? V-Klasse? Vito? Ist natürlich totaler Quatsch, weil Mercedes heißt ja wegen einer Frau so, weil die Tochter von einem Mercedes-Kunden einen gekauft hat. Ich glaube nicht den ersten, sondern den dritten oder so überhaupt. Und da dachten sie, das ist ja ein schöner Name, nennen wir das ganze Auto mal so. Also die Frau heißt nicht nach dem Auto, aber das Auto nach der Frau, aber nicht nach dieser Frau. Ganz einfach.

Die Freundschaft mit Paolo war eine absolute Win-Win-Geschichte für mich. Also für mich nur Win, für ihn das andere Win. Denn er hat mich mitgenommen zu seinen Freunden. Es gab ganz viele Chilenen auf einmal, die alle natürlich befreundet waren, weil man im Ausland ja zusammenhält und weil die auch zusammen Kultur gemacht haben und Partys gemacht haben. Und so kam ich in Berührung mit den wunderschönen Frauen aus Chile, also Mädchen, weil in Ostdeutschland gab es ja sonst nicht so viele Ausländerinnen oder andere exotische, schöne Frauen. Bei uns sahen alle so aus, wie sie eben aussehen. Und wenn da so ein paar so kleine Chilenen kommen, ist natürlich, freut man sich. Also ich habe mich viel gefreut und fand die sehr, sehr, sehr schön, alle. Und nett, die hatten auch alle eine tiefe Stimme und waren richtig gut drauf. Natürlich haben die mich nicht mal mit dem Arsch angeguckt, wie man jetzt so heutzutage so schön sagt. Also haben mich im Prinzip nicht mal so ignoriert. Aber da ich mit Paolo war, durfte ich mit und durfte da dabei sein und habe wirklich jede Chance genutzt, da irgendwie mit auf die Partys zu kommen und in die Wohnungen zu kommen und seine Freunde da kennenzulernen. Sein bester Freund war in der Zeit Raphael Enzonza, der Sohn vom Justizminister unter Allende, wenn ich das richtig verstanden habe, der natürlich auch fliehen musste, weil gerade die politisch eingebundenen und engagierten Leute, die sind ja am meisten verfolgt worden. Und da haben wir zusammengesessen und dann gab es auf einmal so eine verrückte Theatergruppe. Cacencho war so ein dicker, freundlicher Mann. Der hatte einen Sohn, der hieß Ivan, der hatte ein bisschen so große Klappe, aber war uns auch nett. Und die haben dann so eine Theatergruppe gemacht, sagen, wir machen jetzt hier chilenisches Straßentheater. Da habe ich gefragt, darf ich da mitmachen? Die so, naja, naja, Chilene bist du ja nun nicht. Ah, wenn es sein muss, bist du ja Freund von Paolo und so. So zwei, drei Deutsche haben sich da noch so mit reingeschummelt. Dann sind wir zu Kubel gegangen, hier ins Puppentheaterwerkstatt in der Schönhauser Allee neben dem S-Bahnhof. Haben da Puppen gebaut und dann haben wir ein richtiges Stück eingeübt. El Dragon, der Drache. Ich durfte im Volk sein, vom Drachen unterdrückte Volk, was sich irgendwann befreit hat. Und natürlich auch nicht sagen, weil ich gar nicht Spanisch konnte. Ich konnte nur immer El Dragon rufen oder Angstschreie ausstoßen oder so. Und unsere große Aufführung gipfelte dann beim Festival des politischen Liedes in der Werner Seelenbinderhalle. Da hatten wir so richtig so einen Auftritt. Und da wir im Straßentheater waren, haben wir was ganz Verrücktes gemacht. Wir haben nicht auf der Bühne gespielt, sondern wir sind ins Publikum gegangen, wir haben uns selber so einen Weg freigebahnt. Raphael als großer Starker ist mit einer Fußtrommel umgeschnallt, so vorneweg, hat darauf gedroschen. Und Katschench hat uns erklärt, ja, das ist wie in Chile bei der Demo. Ihr geht rein in die Leute und die Leute bilden eine Schutzschicht um euch, dass die Polizisten nicht an euch rankommen. Er hat uns das genau erklärt, wie in Chile das politische Theater funktioniert. Und ich habe mich so stolz gefühlt und so kämpferisch und so eingebunden in die Truppe da. Ich fand es so gut, als ich so einen albernen Poncho von Paolo gekriegt habe. Das war im Prinzip so ein Teppich mit Loch, den habe ich mir so übergestülpt. Und dann bin ich mit dem Tag und Nacht so rumgerannt, habe den noch in der Freizeit nicht abgesetzt. Ich wollte unbedingt aussehen wie ein Chilene, ich habe mich wie ein Indianer gefühlt. Riesenkampf, Demo, ganz groß und innerlich war ich voll so Chilene, von außen stehenden, ein blasser, kleiner Typ mit Brille, der einen Teppich um den Hals hatte.

Wir haben dann wirklich im Festival gespielt, aber auf der großen Bühne, wo die richtigen Stars gespielt haben, stand ein sehr eindrucksvoller Mann mit Bart, groß und breit, zu dem alle aufgeschaut haben, war Mikis Theodorakis. Mikis Theodorakis hat jetzt nicht gesungen, sondern nur die Musik gemacht. Maria Farantou, weiß ich nicht, hat sie gesungen. Und am Abschluss der Veranstaltung sind wir alle zusammen auf die Bühne gegangen und haben ein Abschlusslied gesungen, Vence Remus oder so. Wollte ich so nachher auch nochmal spielen, dann können hier alle mitsingen. Und dabei gucke ich so auf die Seite, weil wir waren ja so viele. Da habe ich gesehen, dass die Chilenen, die neben mir standen, die die Mikros aus der Halterung genommen haben und von dem Kabel abgemacht haben und sich in die Taschen gesteckt haben. Woran ich eigentlich zum ersten Mal gesehen habe, dass Reden und Handeln nicht immer dasselbe sein muss. Wenn man vom Kommunismus und Gerechtigkeit so redet und so und wie gut wir hier im Osten haben und dass man da helfen muss, sollte man eigentlich nicht die Mikros klauen. Oder so, aber ich kann es verstehen, die Verlockung ist einfach zu groß in dem Durcheinander, gerade wenn man sich für Musik interessiert und so Mikrofonen bekommt man ja auch nicht alle Tage. Ich weiß nicht, ob sie die dann zurückgegeben haben oder nicht. Wenn nicht, ich will ja auch keinen verpfeifen, ich werde hier keine Namen nennen oder so. Aber war ich ein bisschen erstaunt und natürlich auch fasziniert von der Frechheit bei so einer Veranstaltung, die Mikros zu klauen ist fast schon wieder in Ordnung, sag ich jetzt mal, als Punk.

Erste Stunde ist fast rum. Wir schaffen noch ein Lied von Iliapu. Das ist jetzt endlich mal wirklich eine chilenische Band. Und Iliapu heißt in der Indianersprache der Blitz.

Reden wir über Chile und über meine Freundschaft zu Paolo, der nach der EOS zurückgegangen ist nach Chile, um zu studieren. Wir haben uns dann ein bisschen aus den Augen verloren. Und er hat Kunst studiert. Ich habe ein Bild von ihm gesehen, was er da gemalt hat, was er so mitgebracht hat. So ein Triptychon mit irgendwie Trompetern drauf oder so. Sieht nicht schlecht aus. Und er sagt, das ist auch ein politisches Werk. Er hat da die Demonstration, also da muss es ja schon irgendwie 85 gewesen sein, 84, 85 gab es immer noch Demonstrationen gegen Pinochet. Und er hat gesagt, dass er daran teilgenommen hat mit Kumpels, dass sie auch politisch sich engagiert haben. Sein Freund hatte auch eine Pistole oder so und hat damit rumgefuchtelt oder für einen Notfall. Und er hat immer ganz begeistert von einer Gruppe erzählt. Bei den Demos gab es jetzt die politisch Engagierten, die sich so hingestellt hat mit ihren Losungen und so. Und dann gab es noch eine Gruppe von Rockern eigentlich, die sich so hingestellt haben und abgewartet haben. Und wenn dann die Polizei auf die Zuge ran kam, sind die normalen Demonstranten dann weggerannt und haben sich geschützt. Und die Rocker sind ganz cool stehen geblieben und haben die Soldaten dann verprügelt oder die Polizisten, weil es einfach die Stärkeren waren. Und die sind einfach hingegangen zum Prügeln. Ich glaube, was gibt es heute ohne? Das nennt man jetzt Sport oder so. Und er hat gesagt, das waren natürlich die coolsten. Das Lustige an denen oder das Interessante war, dass die politischen Inhalte mehr oder weniger egal waren. Die wollten sich einfach prügeln und gewinnen gegen die Soldaten. Also die fanden sie alle blöde.

Er hat studiert, ist aber nach einem Jahr wiedergekommen, weil sie ihn wohl rausgeschmissen haben. Das weiß ich nicht genau. Zwei Jahre hat er studiert, dann hat er es in der DDR-Normalversuch in Weißensee. Wir haben dann zusammen gemalt, wir haben uns eine Wohnung gemietet. Jetzt kommt es, 25 Mark Miete im Monat haben wir bezahlt. Das haben wir uns geteilt irgendwie, jeder sieben. Haben da auch gemalt in der Stargarder Straße. Ich weiß nicht, da kostet ja Quadratmeter jetzt jede Dreifache. Und haben gemalt zusammen und dann hat er einen Job bekommen, als dann auch langsam die Wende kam, im Labatea. Das war eine chilenische Kneipe, wo sich im Prinzip die ganzen Chilenen wieder getroffen haben und zusammengearbeitet haben. Und er hat Geschirr abgewoschen und mitgeholfen. Chico Plato, das habe ich dann auch gelernt. Ich habe auch manchmal eine Schicht mit übernommen und Tische gedeckt und Essen gebracht und so. Und ich bin da natürlich immerhin mit meinem Freund Lupe und Piet, immer wenn ich Zeit hatte, wenn ich was essen wollte. Weil wir konnten sagen, wir holen Paolo ab und haben dann immer diese leckeren Empanadas bekommen. Die liebe ich seitdem ganz doll mit diesen Knoblauch-Tomaten-Soße, diesem zerhackten Gemüse mit diesem Basilikum. Es ist ja ein Träumchen. Und so haben wir uns weiter durch die Zeit immer wieder gesehen, immer wieder verfolgt. Auf Deutsch gesagt, wir waren jeden Tag zusammen. Und ich habe das so gemocht, wenn ich in Labatea war, dass da so coole Musik lief, so was wie das, was wir jetzt hören.

Ich kann natürlich nicht vom Labatea erzählen, ohne von Pisco zu erzählen. Pisco ist das chilenische Nationalgetränk. Ein süßer Traubengeist-Likör. Es schmeckt einfach göttlich. Ich habe das im Labatea zum ersten Mal gekriegt. Und zwar in der Form von Pisco Sauer. Das ist so ein Sauer wie so Whisky Sauer mit einem Salzrand obendrum und Eischaum obendrauf, so ein Eiweißschaum. Es ist göttlich. Man kann nicht sehr viel davon trinken. Wenn man viel trinken will, trinkt man Piscola. Was schon so lustig klingt, weil es wie Piscola klingt. Das ist ein irres Getränk, weil diese Cola-Süße trifft sich genau oder diese Herbe von dieser Säure in der Cola genau mit diesem Traubengeschmack. Es ist irre. Also wenn es mir irgendwann mal leid tut, dass ich nichts mehr trinke, dann wegen Pisco. Ist ja Pisco schuld. Und der Pisco und die ganze Stimmung machte, dass Paulo den ich so als stillen, zurückhaltenden, freundlichen Menschen kannte, dass der dann völlig, ich sag nicht ausgerastet, aber ein bisschen aus sich rausgekommen ist, so wie ich ihn nicht kannte. Da wurde auch mal getanzt und Witze gemacht. Da gab es eine eigene Band im Labatea. Ich weiß nur noch, Theo war irgendwie der Gitarrist und Sänger. Der wollte immer, dass ich da mitspiele. Nur, dass ich bei Feeling B gespielt habe, hat mich jetzt nicht dazu qualifiziert, in einer Chilenen-Band mitzuspielen, weil die hatten keinen Keyboarder und dachten, Mensch, spiel doch mal bei uns mit und so. Ich habe mir das angehört, die Musik ist mir vom musikalischen Verständnis her sehr fremd. Diese punktierte, diese lateinamerikanische Rhythmik ist meinem Körper so fremd, ich bin mehr so buf, buf, buf, buf, buf, buf. Also wir sind nicht zusammengekommen, ich habe immer höflich gesagt, ja, ja, die nächste Woche, da spiele ich mit und so. Habe es nie geschafft, aber mein Freund Lupe hat es geschafft, als Bandfahrer sich von denen einstellen zu lassen. Und das Lustige war, wir mussten dann immer warten, bis die fertig sind. Das dauerte immer bis nachts halb zwei, um zwei, bis die Kneipe schloss. Und bis dahin haben wir natürlich stumpf gewartet, bis wir mit Lupe und den Leuten zurückfahren können. Wir haben gegessen und getrunken Pisco. Ich habe auch mal ein Bier dazwischen, nochmal oder so, sonst wird es zu süß. Und das war eine unwahrscheinlich schöne Zeit und eine sehr lustige Zeit.

Aber es war nicht immer lustig, es gab auch absolut ernste Momente. Und die kamen dann, wenn Viktor Harra gespielt wurde. Das war ja auch, ich sage jetzt mal, ein Sänger, Gitarrist, der auch bei dem Putsch einen Tag später verhaftet wurde. Dann wurden ihm angeblich die Finger gebrochen, damit er nicht mehr Gitarre spielen kann. Und drei, vier Tage später ist er erschossen worden mit 44 Schüssen. Und da denkt man, was ist das für eine Macht, die ein Künstler, ein Sänger so fürchtet, dass sie ihm die Finger brechen muss und ihn mit 44 Schüssen erschießen muss. da merkt man, dass die irgendwie absolute Angst vor Intelligenz, vor irgendwas haben müssen, dass da was absolut nicht stimmen kann. Das ist absolut, was Menschen verachtet ist, was die da für eine Diktatur errichtet haben.

Es gibt noch einen anderen chilenischen Zweig in der DDR. 1987 waren ja die Konzerte in Weißensee, wo ich natürlich immer dabei war. Ich weiß ja nicht, wie der Karten hat. Ich glaube, man ist einfach so durchgebrochen durch den Zaun als große Menschenmasse. Und da haben die Rainbirds gespielt. Ich weiß gar nicht, ob ihr Hit da schon draußen war, diese Bluepoint. Und Katharina als Sängerin war mir schon ein Begriff. Aber richtig cool fand ich eigentlich den Gitarristen, der auch noch Keyboard gespielt hat. Es war auch so ein dunkler Typ, der war so ganz ruhig und hat da so gespielt. Und der war in meinen Augen eigentlich der Chef der Band. Und ich wusste nicht, wie der heißt. Ich wusste nicht, was der macht. Ich fand einfach die Musik gut. Das will ich erwähnen, dass Paolo mit war zum Konzert, als die Rainbirds gespielt haben. Und da hat er mir ganz stolz in die Seite boxen und gesagt, guck mal, Rott, hier, der Gitarrist, ist auch Chilene. Als wäre das so ein Qualitätsmerkmal. Ich hätte mir gesagt, ja, die müssen ja so gut sein. Der ist ja auch Chilene. Und ich sagte, was, ach so, naja, kann ja sein und so. Dann fand ich ihn gleich noch ein bisschen besser. Und auf einmal höre ich, also nicht auf einmal, ein paar Jahre später höre ich, dass die Ärzte sich wieder gegründet haben oder wieder zusammengefügt haben und noch einen Bassisten-Verrückten dabei haben, Rott. Hat es bei mir zwei, drei Jahre gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass Rott ja die Abkürzung von Rodriguez sein könnte und dass dieser Rodriguez Gonzalez der Rott von den Ärzten ist. Also sind die Ärzte eigentlich auch eine Chilenenband, wa?

Ärzte sind so geil, ich finde die immer noch gut. Ich weiß nicht, ob es dran liegt, dass ich mit denen aufgewachsen bin oder ob die einfach gut sind. Oder beidem. Jedenfalls haben wir die Ärzte auch mal irgendwann dann kennenlernen dürfen, wenn wir zusammen auf einem Festival gespielt haben oder so. Oder sie sind zu uns zum Konzert gekommen oder wir zu ihnen. Und dann saßen wir dann Backstage zusammen rum und haben uns so unterhalten. Wobei man immer wieder feststellen muss, dass Leute, die beruflich sehr lustig sind, privat sehr ernst sein können. Bei Helge Schneider ist es glücklicherweise nicht so. Der ist auch privat lustig. Die meisten haben ja dann Depressionen oder so. Jedenfalls war das sehr lustig dann doch und ich habe dann ja Rott gekannt als Chilene, also ich wusste, dass er Chilene ist und bin da auf ihn zugestürzt und habe gesagt, ey Rott, ey Mensch, mein Freund Paolo ist auch Chilene, Santiago, kennst du den? Du musst ja Paolo kennen. Und der, hä, was willst du? Ich sage, naja, Santiago oder so. Hat mich erinnert, wie wenn man früher irgendwie nach Rügen, nach Lome auf einen Zeltplatz gefahren ist oder so. Und einer kam und sagte, ich bin ausbildet und sagte, ah, kennst du Kutte, Mensch, hier, Kulti und so. Ja, ja, ja, ja. Ich sagte, naja, kennst du auch den? Weil früher kannten sich irgendwie mehr Landmenschen. Wahrscheinlich im Osten ja, haben es weniger Leute. Das ist jetzt einfacher, was ich zu kennen. Jedenfalls Rott kannte Paolo nicht, was mich völlig schockiert hat. Und er fand auch jetzt auch nicht so gut, dass ich mit ihm immer über Chile quatschen wollte, weil er hat sich wahrscheinlich mehr als Rocker gefühlt oder als Ärzte-Mitglied als als Chilene. Gitarristen oder so waren ja für mich was normaleres als Chilene, also was weniger Interessanteres oder so, weil Band habe ich ja selber, aber Chilene, so bin ich nicht. Jedenfalls war das dann Rott bei den Ärzten. Später haben wir uns auch dann angefreundet und konnten uns auch über Themen, also sangsläufig über Themen unterhalten, die nicht mit Chile so zusammenhängen. Und er war sehr, sehr kritisch gegenüber unserer Band am Anfang, was ich sehr gut finde, wenn jemand Charakter zeigt und so und auch uns richtig blöde fand. Aber wir haben es geschafft, ihn zu überzeugen von uns. Jetzt ist er auch Fan. Jedenfalls hat er zu mir gesagt. Er hat eine Schwester. Ich habe einen Bruder. So, Paula hat auch einen Bruder. Rott hat eine Schwester. Und die macht auch Musik. Und die ist aber aus Hamburg. Hat mit Rocco Schamoni zusammengespielt. Und den Golden Zitronen und so. Ich kenne noch gar nicht ihre Musik. Aber wenn es Chilene macht, muss es ja was Gutes sein.

Ja, der chilenische Wein von La Sonora Siena Guerra. Chilenischer Wein ist, was ganz fein ist, weltberühmt. Und uns ist da mal eine Schichte passiert. Wir haben im September in Santiago gespielt. Und ich liege früh im Bett und kann nicht schlafen, weil so ein höllischer Lärm um mich herum immer ist. Irgendwie als Hubschrauberangriff oder Bomben. Ich dachte, oh Gott, in Chile immer ärger. In Chile sieht es ja lustigerweise aus wie in Ost-Berlin, wenn man da die Hauptstraße so langläuft. Ich fühle mich wie unter Linden oder so. Also man hat gleich ein vertrautes Gefühl, wirkt sehr ostig. Jetzt haben sie ja leider ein Palast der Republik bei uns abgerissen. Aber Palaste der Republik stehen noch in Santiago. Ich fühle mich da wirklich sehr wohl. Jedenfalls habe ich nicht schlafen können, weil so ein Höllenlärm war. Irgendwann bin ich dann doch so eingeschlafen. Und dann habe ich irgendwie ein Gespräch mitgehört im Hotel oder so, wo sie beim Frühstück geredet haben. Und da haben die auch gefragt, was ist denn das für ein Lärm der Nacht gewesen? Er sagt ja, ja, heute Nacht war Frost und der Frost war sehr früh. Ich meine, Santiago liegt recht hoch in Bergen und so und die Quatsch liegt am Meer. Aber das sind doch Berge und da wird Wein angebaut, der berühmte chilenische Wein eben. Und da es gefroren hat, waren diese Eistropfen, weil es zu feucht war, waren diese Tropfen auf den Weinblättern und Weintrauben und hätten den Wein getötet im Prinzip. Der wäre dann schlecht geworden oder hätte gefoult oder hätte Frost gekriegt, wie auch immer. Und da sind die mit Hubschraubern, die in der Nacht ganz flach über die Weinreben geflogen und haben mit den Rotorblättern, mit dem Wind, die Tropfen von den Weintrauben geschüttelt. Wer sowas macht, muss seinen Wein wirklich sehr lieben.

Jetzt kommt Los Prisioneros, die Eingesperrten. Ich freue mich immer, wenn ich so linguistische Zusammenhänge erkenne. Prison, Gefängnis auf Englisch, Los Prisioneros, die Gefangenen auf Spanisch. Ist das nicht genial? Kennst du eh die Sprache, kennst du alle.

Chilenen fanden die DDR so toll. Aber mir wurde später klar, dass es natürlich damit zusammenhängen kann, dass sie dann in den Westen fahren konnten. Und ja, nicht auf die Idee gekommen sind. Also ich habe gehört von Paolo, dass die gar nicht wussten, dass wir nicht in den Westen fahren dürfen. Weil für die war es normal, dass sie in den Westen fahren dürfen. Die dachten nicht, dass es Menschen gibt, die nicht in den Westen fahren dürfen. Erst recht nicht in so einem Land, wo alles so supergeil ist. Und deshalb hat Paolo auch zu mir immer gesagt, ey Flake, du musst mal mit zu uns ins Ferienhaus kommen. Wir haben da ein Haus am Meer und so, dicke, ja, ja. Weil ich habe mir auch mit in unseren Garten genommen und ihm da alles gezeigt und Fußball spielte, durch Bäume geklettert und so. Er sagt, ey, du musst mal mit zu uns kommen, da ist richtig geil. Komm, wir fahren mal zu uns. Und ich denke, ähm, kann es schwierig werden. Also mit 65, da sind wir Rentner, da kann ich vielleicht mal kicken oder so. Und er, nee, komm, wir machen das schon und so. Und ich habe ihn ausgelacht, mehr oder weniger, und die Sache sofort vergessen.

Aber der Tag ist wirklich gekommen. Es fing an mit Kiss. KISS wollte uns als Vorband dabei haben, hätten wir gedacht, stimmte natürlich nicht, unser Konzertagent, der uns haben wollte, war auch der Konzertagent von KISS und der dachte, er muss Rammstein irgendwie ködern und hat gesagt, ey Jungs, ihr dürft mit KISS spielen und wir, oh geil, geil, geil und dann hat da KISS eingeredet, dass sie uns mitnehmen müssen, also die kannten uns gar nicht, die wollten uns ja nicht und wir sollten mit denen eine Südamerika-Tour machen, auch mit Chile und da habe ich gedacht, also wenn wir schon nach Südamerika fahren, will ich da auch irgendwie zurechtkommen und so. Lass uns Paolo doch mitnehmen. Und alle, ach, das ist aber eine gute Idee, dann nehmen wir doch Paolo mit oder so. Ist Paolo mit ins Flugzeug gestiegen und frohgemut mit uns so losgeflogen. Und die Konzerte waren noch sehr lustig, da war ja eine Extrasendung. Nur das Konzert in Chile fiel aus, weil jemand die Kasse geklaut hat. Also der ist ja nicht nach Chile gefahren, weil da ist es ein bisschen lockerer noch. Jedenfalls, das Konzert konnte nicht stattfinden, weil der Veranstalter ist mit dem Geld so durchgebrannt. Chile hat nicht geklappt. Aber Paolo ist bei uns geblieben seit dem Tag. Weil wir dachten, wenn er einmal mit ist, wir dachten, er hat sich so gut bewährt. Es ist gut, wenn man einen Kumpel dabei hat und so, der sich auch auskennt und freundlich ist. Und seitdem hatten wir den immer mit. Wir mussten ihn nur zum Deutschen machen sozusagen. Weil wenn wir über Amerika geflogen sind, haben sie ihn aus dem Flugzeug geholt, weil sie dachten, er ist Flüchtling oder so. Also er darf als Chilene zwar von der DDR aus im Westen fahren, aber er darf nicht in die USA einreisen ohne Visum oder so. Und da haben sie dann immer im Privatauto über den Flugplatz gefahren, damit er wieder gleich Transit ins nächste Flugzeug gesetzt wird und nicht aussteigt in dem Sinne. Und da haben wir gesagt, wenn wir ihn gerne auf Tour mitnehmen würden, müsste er vielleicht seinen Einbürgerungsantrag ein bisschen schneller vonstatten gehen. Und haben das wirklich geschafft, dass er dann auf unser Drängen hin seinen deutschen Pass bekommen hat, worüber er sich natürlich sehr freut hat. Und seitdem kann er mit uns an fast allen Konzerten in allen Ländern auch teilnehmen und ist bei uns geblieben, zu meiner sehr großen Freude.

Und als wir dann mal wirklich wieder eine Lateinamerika-Tour ohne Kiss hatten, ist er auch mit nach Chile gekommen. Und wir sind durch die Stadt gegangen, er hat mir seine Lieblingsgaststätten gezeigt, wo er als Kind war und als Jugendlicher. weil ich war da zwischendurch nochmal zum Studieren. Und wir haben in einer Wohnung von einer Tante gewohnt oder so. Da war doch vor sechs, sieben Jahren, kann doch schon wieder acht Jahre her sein, das Erdbeben in Santiago. Und da war das Haus so zerrissen, dass ein Riss das ganze Haus durchging. In Deutschland hätten sie das alte Sperr, Sicherheit, Sicherheitsabstand, wäre alles versiegelt. Aber die Chilenen sind, was ich auch sehr angenehm finde, aber wie generell ja die Südamerikaner ein bisschen lockerer mit allen Sachen. Und da wurde das Haus eben bewohnt mit dem Riesenriss drin. In jedem Haus war letztendlich ein Riss drin. Die Türen gingen nicht zu, dann lässt man sie eben offen. Also eh Quatsch, wozu die Tür zu machen und so. Da haben wir in der Wohnung gewohnt. Da gab es irgendwie einen Förtner unten, der hat uns immer freundlich begrüßt und so. Und als Paulus Vater dann ein paar Wochen später kam und auch in die Wohnung wollte oder so, hat der Förtner gesagt, ja, Wohnung ist in Ordnung, bloß hier waren zwei Schwule irgendwie. ganze Zeit hier in der Wohnung so rumgewütet haben, ob er die vielleicht kennt oder so. Dann hat der Vater gesagt, nee, das sind nicht zwischwule, das ist mein Sohn und der andere ist der Kiewolder von Rammstein und ja, dann hat er sich entschuldigt, obwohl keine so Beleidigung ist, werden auch zwischwule sein können.

Ich schwitze gerade ein bisschen vor Angst, denn wir hören diese Musik immer vorm Konzert im Backstage und da setzt bei mir der Pavlosche Reflex ein und ich denke, Mensch, wir müssen gleich spielen, ich bin noch nicht fertig, so umgezogen und das stimmt nicht und ich habe alles vergessen und das Keyboard ist kaputt und eben so Angstgefühle, die man hat, bevor man auf die Bühne geht. Das ist auch egal, ob man groß spielt oder klein. Musik ist ein guter Transporteur oder ein Auslöser für Ängste oder Gefühle oder so. Und bei uns läuft das immer im Backstage, weil Till die Musik so mag. Der tanzt dann ein bisschen dazu und so und fühlt sich so wohl und ist locker. Und das ist natürlich lustig, wenn wir in Chile spielen, dann wundern die sich, dass wir so eine Musik hören. Die denken, wir machen das dann nur für sie. Dann sagen wir, nee, wir haben die Musik immer an. Und für die ist das so, als wenn eine Ami-Band nach Deutschland kommt und hört dann die Wilddecker Herzbuben mit Helene Fischer und feiert total ab. Dann wurde ich auch ein bisschen befremdet. Und sie denken, was hört ihr denn hier und wir? Na ja, finden wir gut und dann tanzen wir so ein bisschen.

Und wir haben wirklich in Chile gespielt, in dem Stadion, was in meiner Erinnerung ganz negativ besetzt war, weil alles, was vom Putsch, als ich so mitgekriegt habe, war eben, dass der Palast bombardiert wurde und so und dass sie die Chilene eingesperrt haben über Tage oder Wochen sogar in diesem riesen Stadion. Und da viele auch nicht wiedergekommen sind, die einfach verschwunden sind, bis jetzt noch nicht aufgefunden worden sind. Oder die Leichen sind später irgendwo gefunden worden. Und wer schon mal in diesem Stadion, wer dann in diesem Stadion war, hatte dann schlechte Karten. Der ist irgendwo hingebracht worden, ins Gefängnis gekommen, von da aus wegsortiert worden. Und eigentlich hatte ich ein ganz blödes Gefühl, in dieses Stadion zu gehen und da jetzt so ein lustiges Rockkonzert zu machen. Aber es ist einfach auch schon sehr viel Zeit vergangen, etwa vor 50 Jahren. Also ich meine, als ich jugendlich war, war der Zweite Weltkrieg 25 Jahre her oder so. Das ist noch nicht mal die Hälfte der Zeit. Und die Stimmung war natürlich völlig anders, als wir da gespielt haben. Der war ein Einlasser, der sagt, er ist da schon seit 30 Jahren oder so, macht er da einen Einlass. Und er hat noch nie gesehen, dass das Stadion so voll war. Er sagt, er hat das Stadion noch nie von so einer feiernden Menschenmasse gesehen. Was ich sehr lustig fand, weil der Veranstalter, der uns ja bezahlen muss, hat gesagt, naja, liefert dich besonders, ist so 75 Prozent Auslastung oder so. Oder die haben wir uns dann noch bezahlt. Das mag ich sehr, wenn man das so ein bisschen lockerer sieht. Ja, und da war ich in diesem Stadion dann irgendwie auch versöhnt. Das Konzert war toll, wir waren dann nochmal da und ich weiß ja nicht, wie oft wir insgesamt da waren. haben immer in diesem Stadion gespielt und ich hoffe, dass wir dem Stadion so ein bisschen neues Gesicht und eine neue Erinnerung und Bedeutung gegeben haben, wie Christo das ja auch mit dem Reistag geschafft hat, seitdem er den eingepackt hat, wirkt der nicht mehr so bedrohlich und schlimm auf mich, sondern er ist jetzt mehr ein Zeichen für das wiedervereinigte Deutschland, wovon ich jetzt auch nicht so ein Fan bin, wie sich vielleicht auch schon so rumgesprochen hat.

Deshalb spiele ich jetzt auch eine Band aus dem Osten, Renft. Die haben sich natürlich auch mit Chile beschäftigt. Ein Lied hat ein bisschen sperrige Namen. Chilenisches Metall? Was mag damit gemeint sein? Falls man den Text nicht versteht, sagt man mal, hört das Lied, hört das Lied vom chilenischen Metall. Ich finde es so vorgelesen, klingt es schon besser als gesungen. Fremde Herren wollen es haben, heutzutage wie dazumal. Doch ein jeder soll es wissen, der nach Chiles Reichtum strebt. Daran starben noch die Inkas. Doch das Volk von Chile lebt. Wieso starben die Inkas? Weil die nach Reichtum gestrebt haben. Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, die Inkas sind wiederum gestorben, weil die Europäer dann kamen und die nicht Gold da wegnehmen wollten. Muss ich Kurt Demmler mal fragen, was er sich gedacht hat dabei. Ach, der lebt ja nicht mehr. Aber Renft, Renft lebt immer.

Als wir früher Musik gemacht haben, haben wir natürlich immer versucht, unsere ausländischen Freunde mit einzubringen, weil die natürlich irgendwas hatten, was wir nicht hatten. Erstens konnten sie eine andere Sprache und sie hatten einen ganz anderen Blick auf die Welt. Also ich habe, was mein Bruder hatte mal, Lusako hieß der, der war irgendwie aus einem Kamerun oder so. Den haben wir einfach mitgenommen, als wir Session machen wollten. Einfach nur, weil er aus Afrika kommt. Und der sollte dann singen. Und der hat uns angekriegt. Und ich dachte, was ist denn mit euch los? Der kannte überhaupt keine Musik aus Afrika. Der fand Eisbär gut von Grauzone und so. Unser ehemaliger Manager hat auch einen Vater aus Kamerun und da wollten, als er irgendwie in Weimar war oder so, wollten alle mit ihm Soul machen. Und er hasst Soul. Der stand auf Kraftwerk und böse deutsche Musik und da hat man den völlig falsch eingeordnet oder so. Und ich wollte mit Paolo auch Musik machen und er mit mir auch und wir standen in dieser Zeit auf Dub, das ist irgendwie bei uns so richtig schwappt, vielleicht lag es auch dann, dass ich mal ein ganz bisschen gekifft habe, früher oder so. Wir waren irgendwie Dub-Fans und dann habe ich gedacht, weil ich auch überhaupt nicht singen kann, habe ich gesagt, Mensch Paolo, vielleicht singst du und da haben wir versucht so eine Art Band zusammen zu machen, mein erstes Konzert in meinem ganzen Leben, habe ich auch mit Paolo gemacht, nur eben ohne Paolo, weil er dann, als er das Publikum gesehen hat, kurzzeitig entschlossen hat, dich mitzuspielen. Er sagt, mach mal lieber alleine und dann fing ja der ganze Drama an mit Filling B. Aber ich habe nicht aufgegeben und einmal Freund, immer Freund, habe mit ihm weiter Musik gemacht und er hat auch sehr eindrucksvoll gesungen, finde ich. Wir hören mal ein Lied, also ist im Prinzip ein chilenisches Lied, Zapatos Italiano. Er singt über seine italienischen Schuhe. Den Rest vom Text verstehe ich leider nicht.

Ich bin natürlich nicht der Einzige, der sich mit Chile beschäftigt hat. Auf der ganzen Welt ist Anteil genommen worden an dem Putsch. Und Chile ist auch wahrscheinlich wegen der ganzen Voodoo-Geschichte oder so berühmt geworden. Vielleicht verbindet jeder was anderes mit Chile wie den Wein oder den Fisch. Ja, mehr haben sie auch. Die Berge, die Pferde, eben ein weit umfassendes Land. Und ich finde gut, dass wir davon gehört haben, dass wir uns da auch gekümmert haben. Und ich sage einfach hoch, die internationale Solidarität, das gilt heute mehr denn je. Schönen Abend noch. Tschüss.